Alles eine Frage der Zeit …

Sagt man ja so. Zumindest ist eine Menge Zeit ins Land gegangen, seit ich hier auf Website meinen letzten Artikel gepostet habe: ziemlich genau neun Monate. Und der davor ist jetzt schon ein Jahr alt.

Ein Jahr. Ein merkwürdiges Jahr. Da wird mir vermutlich niemand widersprechen. Auch Du hattest sicher Deine ganz eigenen Tiefpunkte und Herausforderungen. Aber hoffentlich nicht nur. Vieles verlief mit großer Sicherheit anders als gewohnt. Aber zwischendrin, wenn man ganz genau hinschaut, gab es hier und da doch ein paar persönliche Lichtmomente. Für mich zumindest stimmt das so.

Doch zurück zu den Herausforderungen: Da war dieses fiese kleine Virus … . Aber wem erzähle ich das!? Mich hatte es für einen Monat komplett aus dem Verkehr genommen. Und seitdem reichen Luft und Kraft einfach nicht mehr so weit wie vorher. Es gab und gibt nach wie vor gute und nicht so gute Tage. Mit dem Sommer wurden die ständig wiederkehrenden Symptome weniger, im Herbst und Winter wieder deutlich mehr. Da heißt es, die Zeit gut einzuteilen. Eine ziemliche Herausforderung bei einem siebenköpfigen Haushalt.

Warum erzähle ich das?

Wenn alles nur noch langsamer geht, bekommt man eine Ahnung davon, wie kostbar die Zeit ist. Ich kann nicht mehr einfach durch alles durchhasten und so viel wie möglich in meinen Tag packen. Ich kann auch selten weit vorausplanen – weiß ich doch nicht, wie es mir in den nächsten Tagen oder Wochen geht. Ich muss mich auf weniges konzentrieren, mich entscheiden, was wirklich wichtig ist. Und ich darf eine gewisse Gelassenheit lernen und auch mal Dinge bleiben lassen. Das heißt auch, falsche (fremdbestimmte) Ideale zu entlarven und mir klarzumachen, was ich selbst in meinem Leben will.

Das wichtigste im Leben ist die Zeit. Leben heißt, mit der Zeit richtig umgehen.“ (Bruce Lee)

Steiler Spruch. Aber genau das war eine meiner Lektionen in den zurückliegenden Monaten. „Übrige“ Zeit werden tendenziell seltener mit unendlichen To-Dos ausgefüllt und war stattdessen häufiger Ausruhzeit, Familienzeit, Lesezeit, … . Dinge wie Aufräumen und Putzen verlieren ihre übermächtige Bedeutung zugunsten von Qualitätszeit mit mir selbst und mit meinen Lieben.

„Zeit hat man nur, wenn man sie sich nimmt.“ (Karl Heinrich Waggerl)

„Kein Tag hat genug Zeit, aber jeden Tag sollten wir uns genug Zeit nehmen.“ (John Donne)

„Zeit, die wir uns nehmen, ist Zeit, die uns etwas gibt.“ (Ernst Ferstl)

Natürlich braucht es seine Zeit – und viel Energie -, bis unter den geänderten Umständen wieder neue Routinen entstehen, bis tatsächlich wieder regelmäßige Freiräume zur Verfügung stehen. Mehr als einmal habe ich es für mich mit einem Umzug an einen anderen Ort, in eine andere Kultur, verglichen. Alles muss neu kennengelernt und erobert werden: die Vorschriften und Verbote, die Sicherheitsmaßnahmen, der angemessene Umgang mit anderen, eben das ganze neue Normal. Und dabei sich selbst nicht aus dem Blick verlieren, das, was ich gerade brauche. In dem Artikel vor einem Jahr (Was geht da ab?) hatte ich das schon angedeutet. Da hatte ich den initialen Knock-out ganz frisch hinter mir. Das Thema Selfcare hat seitdem nicht an Bedeutung verloren. Inzwischen weiß ich, dass die Rückfälle bei mir durch Stress verstärkt werden. Das kann alles sein: vom krassen Wetterwechsel über kinderbedingt unruhige Nächte bis hin zu Termindruck. Wenn ich es da nicht schaffe, einen Gang zurückzuschalten, bin ich wieder für ein paar Tage aus dem Rennen. Das macht keinen Spaß. Und wieder die Herausforderung: Wie kriegt man das unter den gegebenen Umständen hin? Digitaler Distanz-Unterricht, Homeschool, Home-Office, Online-Konferenzen und viel mehr in der Art sind die großen Neuerungen unserer Zeit und machen Häuser und Wohnungen zu unruhigeren Orten. Ruhe muss man sich richtiggehend erkämpfen, sonst wird da nichts draus.

Hier passt vielleicht (ein bisschen) der Spruch von Dante Alighieri: „Der eine wartet, dass die Zeit sich wandelt, der andere packt sie an und handelt.“ (Wirklich nur ein bisschen, und damit ich den Übergang hinkriege.)

Also hab ich mich hingesetzt und Pläne erstellt und verworfen, neue gemacht und mit der Familie verhandelt. Nun gehören die drei Vormittage an denen die Grundschul- und Kindergartenkinder nicht zu Hause sind, ganz mir. Ich-Zeit. Schreib-Zeit, Kreativ-Zeit. Die großen Distanz-Unterricht-Kinder und der Home-Office-Mann wissen das. Das sind dreimal vier Stunden, die mir (und meinen Kreativ-Projekten) sehr gut tun. Und davon profitiert am Ende wieder die ganze Familie: Weil es mir gut geht, kann ich davon abgeben.

Alles in allem könnte ich jetzt mit Jean Paul Satre zusammenfassen: „Vielleicht gibt es schönere Zeiten, aber dies ist unsere.“ Mit allem was dazugehört. Eine andere kriegen wir nicht. Jetzt und hier ist es an uns zu leben – das ist Wahrnehmen, Verstehen, Kämpfen, Leiden, Hoffen, Tanzen. Spuren entdecken und Spuren hinterlassen. Für sich selbst und für andere da sein. Diese Freiheit zu kennen tut gut. Sie zu erleben wünsche ich Dir.

Ich gebe auch Peter Ustinov noch das Wort: „Jetzt sind die guten alten Zeiten, nach denen wir uns in zehn Jahren zurücksehnen.“

Vorstellen können wir uns das vielleicht eher nicht, aber wer schon weiß, was die Zeit noch so bringt …

Und überhaupt: „Wer sich an das Absurde gewöhnt hat, findet sich in unserer Zeit gut zurecht.“ (Eugène Ionesco)

So wünsche ich Dir Gelassenheit gegenüber dem Absurden und den Ungereimtheiten. Ich wünsche Dir Mut zu Schritten, die unsere Zeit zu einer besseren Zeit für unsere Mitmenschen machen. Und ich wünsche Dir Zeit für Dich und all die Menschen und Dinge, die Dir wichtig sind.

Wir lesen uns,

Nel

„Alles hat seine Zeit und jegliches Vornehmen unter dem Himmel hat seine Stunde. Geborenwerden hat seine Zeit, und Sterben hat seine Zeit; Pflanzen hat seine Zeit, und Gepflanztes ausreißen hat seine Zeit. Töten hat seine Zeit, und Heilen hat seine Zeit, und Bauen hat seine Zeit. Weinen hat seine Zeit, und Lachen hat seine Zeit; Klagen hat seine Zeit, und Tanzen hat seine Zeit. Steine schleudern hat seine Zeit, und Steine sammeln hat seine Zeit. Umarmen hat seine Zeit, und sich der Umarmung enthalten hat auch seinen Zeit. Suchen hat seine Zeit, und Verlieren hat seine Zeit; Aufbewahren hat seine Zeit, und Wegwerfen hat seine Zeit. Zerreißen hat seine Zeit, und Flicken hat seine Zeit; Schweigen hat seine Zeit, und Reden hat seine Zeit. Lieben hat seine Zeit, und Hassen hat seine Zeit; Krieg hat seine Zeit, und Friede hat seine Zeit.“

(Die Bibel, Prediger 3, 1-8)

(P.S.: Ich weiß nicht, wie es Dir geht. Aber diese Verse sorgen in meinem Kopf immer für einen Ohrwurm. Kennst Du das Lied „Wenn ein Mensch lebt“ von den Puhdys? Es lohnt sich, da mal reinzuhören. Alt, aber wirklich schön.)

6 Kommentare zu „Alles eine Frage der Zeit …

  1. das sind wirklich alles sehr schöne Worte aber nach einem Jahr fast totaler Einsamkeit leidet halt die Psyche . Da kann man sich das Zeit nehmen und gut einteilen , noch so schön reden . Euch wünsch ich alles erdenklich Gute .

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    1. 💖 Richtig. Die Belastungen durch die Einsamkeit habe ich in meinem Artikel nicht berücksichtigt, weil ich hauptsächlich von meiner eigenen Situation ausgegangen bin. Während ich und sicher auch viele andere Kleinkind-/ Schulkind-Mütter durch die Pandemie verstärkt eher an einem Zuwenig an Ich-Zeit leiden, so erleben viele andere – so wie Du – das genaue Gegenteil. Und das macht vermutlich deutlich mehr mürbe. Es tut mir so leid. Ich wünsche Dir weiterhin viel Kraft und Geduld. Und ich hoffe, dass es bald eine gesunde Lösung gibt, zu schützen ohne die vielen verschiedenen mitunter krankmachenden Belastungen der aktuellen Situation. Ganz liebe Grüße

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