Leseprobe: KopfGewitter – Jagen Sammeln Fliehen

Wasser macht mich immer ein bisschen nervös. Obwohl es hier drin ungefährlich ist. Gewissermaßen. Ich meine, Wasser ist Wasser. Kann man nichts dran ändern. Aber es ist niemand da. Ich bin hier allein. Und es lebt nicht. Das hier. Ich wasche mir auch nur kurz die Hände, bevor ich den Kuchen aus dem Ofen hole.

Versteh mich nicht falsch. Eigentlich liebe ich Wasser. Schwimmen. Tauchen. Und dann wieder bin ich so uneins mit mir selbst. Schwimmbäder leben auch nicht. Da muss ich also nichts befürchten. Sind aber nicht halb so schön wie Flüsse, Seen, Meer. Die leben aber. In jeder Hinsicht.

Du kannst Dir nicht vorstellen, wie überrascht ich beim ersten Mal war. Ich war vielleicht so neun oder zehn. Mutter allein wäre vermutlich nie mit uns raus an den See gefahren. Aber meine Großmutter hatte darauf bestanden. Nur dieses eine Mal. Und da hab ich es gesehen. Aus Faszination wurde Sucht und Abscheu zugleich. Diese Hass-Liebe zum Wasser habe ich auch bis jetzt noch nicht richtig überwunden. Manchmal zieht es mich hin. Manchmal stößt es mich ab. Manchmal vergesse ich mich. Lebendes Wasser macht was mit mir. Manchmal zerstört es. Manchmal heilt es. Das Schlimme ist einfach, dass Du nie weißt, was Du zu sehen kriegst. Das kann so viel verändern.

Ich bin ja ziemlich froh, dass diese Frida ihr Nebel-Buch geschrieben hat. Lag letzte Woche oben im Wohnzimmer. Ich denke, irgendwann muss ich die mal treffen. Da gibt es so viel Ähnliches. Also nicht der Nebel. Und auch keine Stimme. Keine merkwürdigen Reisen. Und einundzwanzig bin ich auch noch nicht. Ich hab also keine Ahnung, ob es wirklich ähnlich ist. Aber es fühlt sich so an. Weil, das Sehen! Das kann ich. Das muss ich. Immer. Wenn das Wasser lebt.

Bei anderen reicht es oft, wenn ich schon mit Händen oder Füßen drin bin. Meistens sehe ich dann zurück. Selten nach vorn. Bei mir selbst ist es anders herum. Und ich muss dafür ganz untertauchen. Ist ein bisschen ein Schutz. Oder auch nicht. Kommt drauf an. Seit Anfang des Sommers ist mir allerdings das Tauchen gründlich vergangen. Die Bilder spuken mir noch immer im Kopf herum. So widersprüchlich. Beides nichts, was ich will oder kann oder überhaupt.

Das erste war reine Unmöglichkeit. Ich mit Fred, meiner Schwester und meinen Eltern. Beide. Erstens nicht Fred! Das … geht nicht. Punkt. Zweitens hab ich meine Mutter und meine Schwester seit jetzt mehr als zwei Jahren nicht mehr gesehen. Die würden mich auch gar nicht mehr sehen wollen. Denke ich. Meine Schwester vielleicht. Aber nicht meine Mutter. Noch nie. Und dann mein Vater! Der ist aus unserem Leben verschwunden, als ich noch nicht mal drei war. Johanna war da gerade erst geboren.

Die zweite Möglichkeit geht auch nicht. Darf nicht. Dafür bin ich ja hier im Rainbow. Damit ich endlich die Kurve kriege. Und heute ist mein großer Tag. Heute klettere ich raus ans Licht. Wirst Du sehen. Heute endlich in Richtung Happy End. Wie im Märchen. Ich habe alles durchgeplant. Sogar den Dienst getauscht, damit ich unten im DU sein konnte.

Also nur, falls Du dich wunderst. Das DU heißt eigentlich Down Under. Ist unser Jugendtreff unten unterm Rainbow. Und Rainbow … naja … Hier gibt es halt Wohnplätze für uns von der Straße. Dauerplätze. Ist gut hier. Und die helfen wirklich. Nur ganz wenige wollen wieder zurück. Die meisten schaffen es ins richtige Leben. Regenbogen eben. Neubeginn nach viel zu viel Land-unter. Eine Notschlafstelle für Jugendliche hat es hier im Haus auch. Die Hütte. War für viele von uns der erste Schritt hier rein. Ich bin jetzt schon ein Jahr hier. Ohne Fortschritte. Bisher. Heute ändert sich das. Muss auch. An so einem Tag! Wird eine Überraschung.

Mann, was war ich gestern aufgeregt. Und heute Morgen erst. Theoretisch unnötig. Es war ja alles besorgt, alles vorbereitet. Hab trotzdem kaum geschlafen letzte Nacht. Und das passt sogar zum Spiel! Ich denke, ich habe vorhin schon ziemlich fertig ausgesehen. Zumindest hat niemand aufgehorcht, als mir so kurz nach zehn “komisch” war und ich mich nach oben „auf mein Zimmer verabschiedet“ habe. Bis zum Mittagessen gegen eins würde wohl niemand nach mir sehen wollen, wenn ich mich nicht selbst melde. Haben ja alle am Vormittag gut zu tun. Und bis zwölf ist die Küche frei, erst dann legt immer das Mittagsteam los. Und diese knapp zwei Stunden sind genau das, was ich brauche. Gewissermaßen bis auf die Minute ausgeklügelt! Jetzt habe ich es auch fast geschafft. Wie gesagt. Ich muss gleich nur noch den Kuchen rausholen, bisschen verzieren, die Kerzen drauf und dann bis zum Nachmittag verstecken. Oder Abend. Je nachdem, wie es sich am besten anfühlt. Und nebenbei alles wieder aufräumen und putzen. Und wenn die Mittagsleute kommen, ist alles wieder piccobello. Mit ein bisschen Glück habe ich dann sogar noch ein paar Minuten Zeit auf meinem Zimmer zum Freuen und kurz Verschnaufen.

Der Duft ist berauschend. Die Vorfreude wächst mit jeder Minute. Nur noch einen Moment. Ach was! Ich hole ihn jetzt raus. Kann nicht mehr warten!
Ofentür auf. Und … vorsichtig …

“Line?”
Sch…!

Lass Dich niemals erschrecken, wenn du die Hände gerade ziemlich weit im Backofen hast. Das werden vermutlich ordentliche Brandblasen an meinen Handgelenken. So ein Mist! Nur nicht anmerken lassen! Aber wie erkläre ich es jetzt? Ich meine, ich … Kopf beginnt Spiralen. Beine zittern. Also hocke ich mich vor den offenen Backofen. Und der Kuchen lacht mich aus.

“Line? Alles klar? Was machst du hier!?”

Falsch! Was macht Fred hier? Jetzt!? Heute ist doch gar nicht Einkaufstag. Heute ist Montag. Einkauf ist immer mittwochs. Auch wegen dem Wochenmarkt. Und Fred … hätte ich vielleicht eher schon erklären können … der arbeitet hier im Rainbow. Ist der Sohn vom Chef. Ist aber trotzdem nur einer von vielen hier. Wenn man es nicht wüsste, würde man es auch nicht merken. Doch. Merken vielleicht schon irgendwie. Aber nicht richtig. Kann ich nicht erklären.
Ob er meine Panik spürt? Keine Ahnung.

Hilft mir jedenfalls raus: “Hm, riecht lecker. Wann gibt‘s denn den?”

Besser Flucht nach vorn. Wenn ich es nachher sowieso erzählen will, ist da hier ja schon mal eine gute Generalprobe. Das erste Mal seit Ewigkeiten.
„Heut ist mein Achtzehnter … Nachher dachte ich … ich meine, … ich … naja, ich dachte, es ist langsam Zeit …”

Das Strahlen in seinem Gesicht! Das macht was in mir. “Du, ich freu mich!“
Kein ‘Na endlich!’ oder ‘Wird aber echt Zeit, bist ja lange genug da!’
Immer anders als du denkst!
Sein Blick macht mich wieder nervös. Obwohl so freundlich. Glücklich.

Etwas fehlt noch. Ich muss!
“Und ich … weißt Du … also …”
Das ist der schwerste Part. Weil verletzlich.

“Ja?”
Nicht ungeduldig. Nicht drängend.
Vielleicht deswegen so überzeugend.