Leseprobe: KopfNebel – Im Haus des Unsichtbaren

1. Abreise

Du kannst es nicht planen. Es kommt, wann es will. Es braucht exakt einen Atemzug. Und dann ist da dieses spezielle Kribbeln. Es passiert wieder. Es gibt kein Zurück und kein Vorbei. Du hast keine Ahnung, was genau kommt. Du musst da durch.

Ich weiß nicht, ob Du so was kennst. Ich jedenfalls kenne das nur zu gut. Manche Leute behaupten, ich spinne. Aber es ist real! Ich weiß das.

Bei mir geschieht es immer im Nebel. Sonst würde ich ja das Buch auch nicht so nennen. Es gab Zeiten, da hatte ich regelrecht Angst vor Nebel. Aber das Problem lag weniger in dem, was ich erleben würde, sondern vielmehr darin, dass mich wieder einmal niemand ernst nehmen würde. Besonders die nicht, die mir so am Herzen liegen. Aber irgendwann wird man schlau. Man muss ja nicht immer alles erzählen. Auch wenn es auf der Zunge brennt. So habe ich angefangen zu schreiben. 

Ich wohne nun mal in einer Gegend, wo es im Frühling und wie jetzt im Herbst fast täglich den ganzen Vormittag oder länger neblig ist. Als Kind schon und jetzt auch. Und es passiert immer wieder. Unvorhersehbar. Unplanbar. Da hilft mir die Angst also nicht wirklich weiter. Schließlich kann ich mich nicht monatelang im Bett verstecken. Und ich weiß auch gar nicht, ob das was bringen würde. Also habe ich mich mit dieser zweifelhaften Gabe angefreundet und mittlerweile echt schon eine Menge gesehen.

Darum bin ich auch jetzt nicht wirklich beunruhigt. Das typische Kribbeln ist wieder da. Ganz leise noch. Mit der Zeit habe ich entdeckt, dass es sich schon ein wenig vor dem einem Atemzug ankündigt. Nur so als Ahnung.

Und bevor es, was auch immer, jetzt so richtig losgeht, stelle ich mich lieber erstmal vor, denn wir werden es wohl eine Weile miteinander zu tun haben. Schließlich habe ich mir fest vorgenommen, Dich diesmal mitzunehmen.

Im ganz normalen Leben heiße ich Frida. Ohne “e”. Mittlerweile komme ich damit klar. Das brauchte aber seine Zeit. Auch wenn solche alten Namen ja immer wieder in Mode kommen, als ich klein war, war ich die einzige Frida. 

In den ersten paar Jahren nimmst du so was ja noch hin, weil du es nicht anders kennst. Du heißt eben so und alle nennen dich so. Und du findest es gut, bis eben irgendwann in der Schule der Erste sich über dich lustig macht. Das kann hässlich zugehen unter Kindern. Die Details erspare ich dir hier. Ich denke, du hast da in etwa eine Vorstellung von dem, was manchmal so an Grundschulen abgeht. Schließlich warst du ja auch mal da. 

Ich hatte schon heftige Debatten mit meiner Mutter darüber, warum ich ausgerechnet diesen Namen haben muss und ob ein Namenswechsel nicht angemessen sei. Aber das ist nun auch schon wieder eine Weile her. 

Das Sahnehäubchen ist allerdings mein nicht weniger spektakulärer zweiter Vorname: Vigdis. 

Hast DU eben so hässlich gelacht? Das ist echt nicht fair! Ich vertraue Dir hier Sachen …

Schon wieder. Und warum sollte ich versagen? Und wobei? 

Aber das bist gar nicht Du, oder!? Sicher nicht. Du kannst ja gar nicht wissen, was mich erwartet!

Es klingt so … anders. Bedrohlich. 

Hörst Du das nicht? Ist ein bisschen gruselig.

Das bringt mich gerade etwas durcheinander.Wo war ich nochmal? … Ach ja. Mein zweiter Vorname. Bisher konnte ich es fast vollständig verhindern, dass das irgendjemandem zu Ohren kam. Das hätte es ja vermutlich auch nicht einfacher gemacht. Als ich meine Mutter mal zur Rede gestellt hab, meinte sie nur, das wäre eine Idee von meinem Vater gewesen. Und, weil ich den nicht kenne, ist sie fein raus. 

Nicht wirklich. Als ob sie bei der Namensgebung nicht auch ein Wörtchen mit zu reden hätte! Jedenfalls habe ich den Namen mal gegoogelt. Das ist wohl was Altnordisches und könnte übersetzt werden mit “kämpfende weise Frau” oder “kämpfende Seherin”. Ich fürchte, da ist meinen damals sicher schwer verliebten Eltern ihre Islandreise zu Kopf gestiegen. Spannenderweise bin ich noch darüber gestolpert, dass Frida nicht nur was mit Frieden zu tun hat, sondern auch mit Stärke und Schutz. Das gefällt mir. Zumal ich ja gerade Medizin studiere. Da passt das alles dazu.

Eben bin ich von der Uni nach Hause gekommen. Zu Hause. Das ist meine kleine Studentenwohnung. So nenne ich das. Eigentlich ist es das Ferienhäuschen meiner Mutter hier am Stadtrand. Mit Blick auf die umliegende Gegend. Unten der große Fluss, am Horizont je nach Sichtverhältnissen nur Hügel oder sogar Berge. Heute sieht man aber lediglich ein paar Lichter aus den Nachbarstraßen. Die Sonne ist fast schon untergegangen und die Luft hat sich ziemlich abgekühlt. So nebelt der Fluss einfach zu stark. 

Das Kribbeln braucht diesmal länger, um sich aufzubauen. Obwohl … nicht wirklich … es fühlt sich ja jetzt schon viel stärker an als sonst. Aber es scheint noch nicht zu reichen. Irgendwas ist anders heute. 

Meine Mutter hat das Häuschen irgendwann gekauft, weil sie es schön fand. Und weil sie manchmal Lust auf Stadt und Kultur hat. Dann kann sie hier übernachten und muss spätabends nicht noch die knapp siebzig Kilometer nach Hause fahren. Nach Hause zu ihren Eltern, wo auch ich mein bisheriges Leben verbracht habe. Wo die drei eine Landarztpraxis leiten, in die ich hoffentlich in ein paar Jahren mit einsteigen werde. Aber meine Mutter nutzt dieses Häuschen hier selten. Manchmal hatte sie es an Freunde verborgt. Und jetzt ist es halt meine kleine Studentenwohnung. Zwei Zimmer, Küche, Bad. Überdachte Terrasse und ein kleiner Garten. Das ist das Schönste. Hier verbringe ich viel Zeit. Bei jedem Wetter, für fast alles.

Warum habe ich schon wieder das Gefühl, dass Du mit mir redest? Ist das möglich? Nur gefällt mir Deine Stimme jetzt deutlich besser als eben. Viel wärmer, vertrauter … Aber kannst das wirklich Du sein? Wieso solltest Du mir Mut zusprechen? Dass ich es schaffen werde, wenn ich nur meine Ohren offen halte … Was schaffen? Es klingt nach … viel zu viel. So verrückt.

Jedenfalls bin ich ziemlich froh, dass Mutter dieses Juwel entdeckt hat, und dass es jetzt meins ist. Gewissermaßen. Vor allem, weil ich es von hier auch gar nicht so weit bis zu meiner Fakultät hab. Auf der Terrasse sitze ich jetzt auch. Auf der herrlich altmodischen Hollywoodschaukel. Der beste Platz zum Gedanken reisen lassen. In meiner warmen Lieblingsjacke und unter der Mollidecke kann ich hier ewig sitzen. Und genießen.

Bloß gut, dass wir die Vorstellungsrunde hinter uns haben, denn ich merke, wie aus dem Kribbeln endlich die Veränderung wird. Wurde auch Zeit. Es ist mittlerweile fast schmerzhaft. Wie viele heiße Nadeln in der Haut. Überall. Nur der Übergang fühlt sich heute so … ich weiß nicht recht … so bedrückend an. Aber wer weiß … 

Jetzt zählt nur eins: Frida wird weniger und wer-auch-immer wird mehr.

Here we go!

Die Bilder fluten meinen Kopf.

Die Leute sagen, wenn man stirbt, dann läuft das ganze Leben in Bildern vor deinem inneren Auge vorbei. Wenn ich mich richtig erinnere, dann gibt es sogar ein Buch oder einen Film, der so heißt. Muss ich unbedingt noch mal herausfinden. Aber das ist jetzt hier egal. Ich wollte nur sagen, so etwas ähnliches passiert auch gerade mit mir. Nur anders herum: Es sind nicht meine Bilder und mein Leben, sondern das einer anderen. Und ich höre gerade nicht auf zu sein, sondern werde gerade.

Der Begriff “Gehirnwäsche” geht mir diesbezüglich manchmal durch den Kopf. Aber ich vermute, da gibt es nichts wirklich Ähnliches.

Ganz weit hinten im Hinterkopf werde ich auch die ganze Zeit Frida bleiben. Nur vorn, da wo alles passiert, und ganz hauptsächlich, da werde ich gerade … 

Rahel. 

Der Name ist da. Die Bilder und Gedanken erzählen mir von ihr, so dass ich gleich ganz sie sein kann. Ich schließe einen Moment die Augen. Das hier ist wirklich intensiv. Vor allem weiß ich: Wenn ich mich gleich wieder umschaue, wird alles ganz anders sein. Ich werde ich nicht mehr aussehen wie Frida. Und ich werde nicht mehr in Fridas Lieblingsstadt sein. Ich werde als Rahel genau dort sein, wo Rahel eben gerade ist. Das ist vor allem in den ersten paar Stunden etwas verwirrend und braucht ungemein viel Konzentration und Energie.

2. Rahel

Den ganzen Tag habe ich schon so ein komisches Gefühl. Ich kann es nicht wirklich einordnen. Aber es macht mich unsicher. Es macht mir Angst. Fühlt sich an, als wäre von der Luft weniger da. Ich konnte mich heute auch überhaupt nicht richtig konzentrieren. Den Überraschungstest in Geschichte habe ich vermutlich deswegen auch total vermasselt. Eigentlich mag ich Geschichte. Aber ich war irgendwie gar nicht richtig da. Ich meine, der Test schien nicht schwer. Nur mein Kopf hat sich geweigert, sich mit den Fragen zur Reformation auseinanderzusetzen. Nicht, dass ich nichts zu schreiben gewusst hätte. Aber gereicht hat es definitiv nicht! Ich stehe ein halbes Jahr vor den Abiturprüfungen und darf mir so etwas jetzt überhaupt nicht leisten. Irgendwie muss ich mich wieder fit kriegen. Nur wie!?

Meine Gedanken sind fast ausschließlich zu Hause. Da scheint momentan der Notstand ausgebrochen. Seit ein oder zwei Wochen ist es richtig spürbar. Nur bekomme ich es nicht wirklich zu fassen. Aber das geht sicher schon länger. Überhaupt hat sich da in den letzten Monaten was verändert. Aber ich weiß einfach nicht was. Ich weiß nur, was ich sehe. Und da passieren im Moment Sachen, die ich absolut nicht einordnen kann. Was ich schlichtweg nicht verstehe. Wo ich mir echt Sorgen mache.

Ganz kleines Beispiel: Für normal macht es nie wirklich was aus, wenn wir Geschwister uns mal in die Haare kriegen. Gehört ja bei insgesamt sechs Kindern irgendwie auch dazu. Mama und Papa haben geschlichtet oder beruhigt, sich auch mal eingemischt, uns herausgefordert, … Wenn man nicht gerade derjenige im Zentrum der Aufmerksamkeit ist, dann ist das richtig unterhaltsam. Und irgendwie rauft man sich halt immer wieder zusammen.

Aber zur Zeit ist von so was überhaupt nichts zu sehen. Es ist ein bisschen, als ob alle Freude und positive Stimmung sich aus der Wohnung geschlichen hätten. Vielleicht nicht ganz alle, aber jedenfalls eine ganze Menge. Wenn auch nur der Hauch einer Auseinandersetzung unter uns Kindern auftaucht, ist es sehr wahrscheinlich, dass Papa – meist nur innerlich, aber doch gut spürbar – ziemlich an die Decke geht und den Raum verlässt. Und Mama hat dann immer gleich Tränen in den Augen.

Tränen und kein Schlaf scheinen im Moment so was wie ihr Normalzustand zu sein. Sie wird immer blasser und im krassen Gegensatz dazu ihre Augenringe immer dunkler und tiefer. Ich mach mir richtig Sorgen um sie. Und als Älteste fühle ich mich dann auch irgendwie verantwortlich. Ich versuche schon möglichst viel abzufangen, damit sie sich vielleicht mal etwas erholen kann. Aber das funktioniert nur bedingt. Zum einen, weil ich ja wegen der Schule bis aufs Wochenende immer erst ab Spätnachmittag zu Hause bin. Und dann auch, weil ich den Eindruck habe, dass ich ihr überhaupt nicht abnehmen kann, was sie wirklich belastet. Und es scheint immer schlimmer zu werden.

Du denkst jetzt sicher: Klarer Fall! Deine Eltern haben Stress miteinander. Aber weißt Du, wenn Du sie sehen würdest, wäre die Sache für Dich gar nicht mehr so klar. Du siehst nicht diesen liebevoll besorgten Blick, den er ihr zuwirft, wenn sie mit scheinbar letzter Kraft in der Küche aufräumt oder einem von den Kleinen bei den Hausaufgaben hilft. Du hast nicht gesehen, wie er sie immer wieder in den Arm nimmt, wenn ihre Traurigkeit wie aus heiterem Himmel plötzlich über sie hereinbricht. Du siehst auch nicht, wie sie ihm immer wieder zwischendurch über den Rücken streicht, als wollte sie ihn sanft Schmerz oder Verspannungen weg massieren. 

Klar ist nicht immer nur Sonnenschein. Auch die beiden haben, ganz besonders im Stress, ihre Auseinandersetzungen. Aber sie haben ihren Weg damit umzugehen. Sie finden sich immer wieder. Wenn ich meine Eltern zusammen sehe, dann sehe ich Liebe. Egal, was sonst gerade passiert: Die beiden erleben miteinander eine Vertrautheit und Verbundenheit, die ich mir für irgendwann einmal auch wünsche. Und das zu sehen und zu erleben, das gibt mir Hoffnung, dass wir das Was-auch-immer-gerade-los-ist gemeinsam überstehen. Es tröstet und beruhigt mich in der Ungewissheit, die mich gerade plagt.

Ich meine, ich verstehe, dass sie uns schützen wollen und deswegen große Probleme gern von uns fernhalten möchten und das lieber zu zweit ausfechten. Aber dann denke ich auch, sehen sie nicht, dass wir Dinge spüren und uns so vielleicht noch mehr Sorgen machen, weil wir es nicht einordnen können.

Darum bin ich am Sonntag nach dem Gottesdienst mal zu Papa in sein Büro. Das mache ich eher selten. Ist ein bisschen sein Heiligtum. Sein Ort, wo er mit Gott über Familie und Gemeinde redet. Wo seine Predigten, Zeitungsartikel, Andachten und all das entstehen. Wo ihn die wichtigen und unwichtigen Leute aus der Gemeinde mit ihren Fragen und Sorgen und Wünschen aufsuchen.

Ja, ja! Die Unterteilung in wichtige und unwichtige Leute sollte ich vielleicht nicht machen. Sagt Papa auch immer. Aber weißt Du, die machen sie eigentlich selbst. Du solltest mal sehen, wie fett sich manche machen. Und das nur, weil sie meinen, sie hätten was zu sagen. Und dann sind da die anderen. Meist solche, die im Leben schon ordentlich was hinter sich haben. Und ich finde, die haben oft wirklich was zu sagen. Aber die machen sich klein, knicksen vor den anderen und nehmen sich selbst nicht wichtig genug. Und es ist wirklich spannend: Manchmal sehe ich, wie so jemand unter der Woche in die Gemeinde geht. Und dann weiß ich, der oder die trifft Papa und mit Papa auch Gott. Sehe ich dieselbe Person dann sonntags im Gottesdienst, dann staune ich manchmal über die Veränderung. Und dann bin ich einmal mehr überwältigt von dem, was in Papas Büro möglich ist.

Jedenfalls bin ich, nachdem alle gegangen waren, ins Büro und habe Papa gefragt, ob es da etwas gibt, was wir Kinder vielleicht wissen sollten, weil wir doch irgendwie mitkriegen, dass gerade nicht alles nur gut läuft. Und er hat mich angesehen. Ganz intensiv. Ganz ohne Worte. Doch seine Augen waren so schrecklich voll. Vor allem an Traurigkeit und Sorge. Dieser Blick hat sich wie ein bisschen eingebrannt. Dann hat er mich in den Arm genommen. Erst nach einer langen Umarmung meinte er, dass ich mir wirklich erstmal keine Sorgen machen müsse und dass alles gut werden würde. Vielleicht würden sich ein paar Dinge ändern und manches etwas schwerer werden, aber zusammen würden wir das schon schaffen.

Wie Du Dir vorstellen kannst, hat mich das zwar soweit beruhigt, dass er wohl noch alles unter den Füßen hat, aber trotzdem hat es mir wieder mehr Fragen aufgegeben. Er hat dann auch nicht weitergeredet, sondern nur vorgeschlagen, dass wir doch gemeinsam zu den anderen in die Wohnung gehen könnten, weil Mama sicher das Essen schon fertig hätte.

Ich denke, er unterschätzt die Macht der Geheimnisse. So was reibt doch nur noch mehr auf. Wenn es ihn und Mama so belastet, er es aber zu schwer findet um uns damit zu belasten, dann hat es offensichtlich ein unermessliches Gewicht und das macht mir mehr Sorgen, als es ihm vermutlich lieb ist.

Tja, und das alles beschäftigt mich immerzu. Tags und mittlerweile auch mehr und mehr nachts. Zu Hause und in der Schule und überall. Und eben auch jetzt auf dem Heimweg aus der Schule wieder. Heute bin ich deswegen extra zu Fuß gegangen. Ich hätte den Bus nehmen können. Aber heute brauche ich Denkzeit. Das klappt am besten beim Gehen. Und eine dreiviertel Stunde gibt reichlich Zeit, Dinge zu bewegen.

Nur habe ich nicht viel bewegt. Zumindest nichts Neues. Immer nur die alten Gedanken und Fragen hin und her geschoben. Sonst habe ich in meinem Kopf nicht wirklich was erreicht. Es ist neblig um mich rundherum und in mir drinnen auch. Ich sehe einfach zu wenig. Mir fehlt schlicht irgendetwas, um wirklich klar zu sehen. Und bevor ich nicht weiß, was das ist und wo ich das finde, bleibt es wüst und leer.

Wüst und leer. Tohuwabohu! Das lässt mich die Stirn runzeln. Manchmal frage ich mich, ob ich nicht vielleicht ein wenig biblisch überfüttert bin, wenn mir einfach so mitten auf der Straße so was einfällt. Erstes Mosebuch, erstes Kapitel. Da wird der Urzustand der Erde so beschrieben. Eigentlich ist alles da, aber es ist so durcheinander und nicht in der richtigen Form, so dass eigentlich nichts da ist. Diese Beschreibung trifft ziemlich genau den Inhalt meiner Gedanken bezüglich unserer aktuellen Situation zu Hause. Und dann heißt es ja: “Und der Geist Gottes schwebte darüber.” Oder so ähnlich. Das erinnert mich immer ein bisschen an die Nebelschwaden, die im Frühling und ja auch jetzt im Herbst über Gewässern und Wäldern hier aufsteigen. So stelle ich mir das mit dem Geist Gottes auch vor. Und der ist bereit, loszulegen und aus dem gigantischen Chaos was Sinnvolles zu machen. Erst bringt er Licht in die Sache und dann legt er los. Und was am Ende dabei rauskommt, hätte vorher vermutlich niemand erwartet. Egal für wie wahr man das jetzt hält, mich tröstet das gerade ungemein. 

Und Gott, wenn es dich wirklich gibt, dann schwebe jetzt doch bitte auch über meinem Tohuwabohu und bring da ein bisschen Licht rein. Wäre so cool, wenn irgendwann auch was richtig Geniales aus diesem Durcheinander würde.

Vor meinem inneren Auge sehe ich gerade jetzt Papa. Vor vielen Jahren. Ich kann mich noch gut erinnern: Das war kurz bevor ich in die Schule kam. Und ich hatte riesige Angst vor dem Ungewissen, was da auf mich wartete. Wir waren gerade erst umgezogen und ich kannte noch niemanden. Und Papa kniete sich vor mich hin, lächelte mich an und sagte: “Mach dir keine Sorgen, Prinzessin. Das wird richtig gut werden. Es braucht nur eine kleine Weile, bis sich alles zurecht geruckelt hat.”

Diese Gedanken machen mich gerade viel ruhiger. Vielleicht habe ich ja auch manches überbewertet und meine eigene überzogene Wahrnehmung malt die Gespenster nur viel zu groß an die Wand. Ich sollte mich einfach damit zufriedengeben. Es wird gut. Auch, wenn ich nicht alles weiß.

Noch eine Kurve, dann sehe ich unser Haus. Na ja, sehen ist zu viel gesagt. Ahnen trifft es bei den heutigen Sichtverhältnissen eher. Und unser Haus ist es ja auch nicht wirklich. Wir wohnen nur zur Miete. Noch ein paar Minuten … Der Gedanke macht mich schon wieder unruhig. So als ob in dem Haus eine Gefahr lauern würde.

Da steht mal wieder ein Auto von der Polizei vor dem Haus. Manchmal frage ich mich, warum unser Vermieter jeden rein lässt. In der kleinen Wohnung über uns haben schon einige merkwürdige Gestalten gewohnt. Und immer wieder gibt es Ärger. Immer wieder mal kreuzt jemand von der Polizei auf und fragt, wann wir den Nachbarn zuletzt gesehen hätten, oder ob der Anhänger auf dem Parkplatz uns gehören würde, oder ob uns in der Nacht zuvor etwas aufgefallen wäre. Da hat doch der Vermieter nichts davon! Und Mietrückstände gab es wohl auch ständig. Naja, das geht mich ja nicht direkt was an. Ich mach mir nur manchmal ein klein wenig Sorgen um meine kleinen Geschwister. Nicht David, der ist drei Jahre jünger als ich und der kann sich wehren. Er hat schon verschiedene Kampfsportarten ausprobiert und ihm kann keiner so schnell was vormachen.

Um Mirijam und Esther mache ich mir eher Gedanken. Die beiden sind gerade neun geworden. Super neugierig auf die Welt und himmeln alles und jeden an, was groß und schön und bedeutungsvoll scheint. Die lassen sich so superleicht beeinflussen. Ich sollte vielleicht nicht schon wieder dunkel denken, aber wenn da oben immer so dubiose Männer wohnen, da darf ich mir ja schon so meine Gedanken machen. Und ich glaube, unsere Eltern sehen das auch so.

3. Verwirrung

Endlich angekommen. Nur noch die Treppen hoch.

Während ich meine Schuhe ausziehe, höre ich von drinnen eine fremde Frauenstimme. Ich verstehe nicht, was sie sagt, aber sie klingt ernst. Dazwischen höre ich Lydia nach Mama rufen. Und ich höre ein gedämpftes Schluchzen und eine verzerrte Stimme, die irgendwie nur meiner Mama gehören kann.

Ich öffne leise die Tür und schleiche mich rein. Noch hat mich niemand bemerkt, weil der Eingangsbereich etwas im Dunkeln liegt. Am großen Esstisch sitzt Mama. Ich sehe sie von der Seite, nur im Profil gegen das Licht durchs Fenster. Wie ein Schatten. Ein trauriger Schatten. Das macht mich fassungslos. Reglos. Ich fühle mich wie ein Zuschauer. Stimmlos. Bewegungsunfähig. Neben Mama sitzt eine Polizistin. Ich sehe sie nur halb von hinten. Und mit dem Rücken zu mir steht ihr Kollege. Er wirkt auf mich unschlüssig. Irgendwas hier ist irreal. Ich kann es nur nicht zu packen kriegen.

Jetzt entdeckt mich Lydia. Mit ihrem süßen “ahe-ahe” kommt sie auf mich zu gerannt. So gut sie das mit ihrem einen Jahr eben kann. Ich nehme sie hoch und drücke sie fest an mich. Wenigstens etwas, das sich normal anfühlt.

4. Verdacht

Nun sind alle Augen auf mich gerichtet. Die zwei Beamten schauen fragend. Mama richtet sich auf, wischt sich mit den Handflächen Tränen ab und holt tief Luft. Ich fühle mich verpflichtet mich vorzustellen. Keine Ahnung, ob das jetzt hierhergehört.

“Hallo! Ich bin Rahel. Was ist los? Ist was passiert?”

Die Frage war überflüssig. Sonst wären die ja nicht da. Ich checke gedanklich kurz meine Geschwister durch. David hab ich vorhin noch an der Schule gesehen, der hat noch bis sechs Uhr Training und sollte gegen viertel vor sieben spätestens da sein. Klar könnte in der Zwischenzeit an der Schule oder im Training was passiert sein. Ich war ja nun doch eine Weile unterwegs. Esther und Mirijam sollten zu Hause sein, sind aber nicht zu sehen. Und Lukas auch.

“Ist was mit den Kleinen? Wo sind die drei?”

Die Frau reagiert. “Hallo Rahel. Setz dich doch bitte zu uns!”

Das regt mich auf. Ich bin so angespannt, dass ich dieses künstliche Beruhige-dich-wir-sind-da-um-zu-helfen-Getue nicht aushalten kann.

“Ich will mich aber nicht setzen! Ich will einfach nur wissen, was hier los ist!”

Keine Ahnung, woher dieser Trotz kommt. Vielleicht ist es ja einfach nur, dass sich mein versteckter Frust der letzten Wochen in diesem unpassenden Moment einen Weg an die Oberfläche sucht. Ich bin sonst eigentlich nicht so. 

“Was ist hier los!?”

Mama schaut mich irritiert an. “Rahel!”

Uuh! Schon gut. Ich setze mich also. Lydia auf meinem Schoß babbelt vor sich hin: “ahe-ahe-ahe” und patscht mir dabei mit ihren Händen ins Gesicht.

“Okay!?” Mann, worauf wartet ihr!? Spuckt es einfach aus, dann können wir damit umgehen. 

Das sind ungewohnt forsche Gedanken in meinem Kopf. Daneben gibt es aber noch die Angst. Was, wenn einem von uns was wirklich Schlimmes passiert ist. Richtig schlimm meine ich. Den Gedanken, dass jemand von meinen Geschwistern in einem Unfall ums Leben gekommen sein könnte, mag ich gar nicht denken. Aber was macht das Ganze jetzt mit uns in dieser eh schon angespannten Situation? Ich muss an Hiob denken. Wieviel Schicksalsschläge braucht es, bis ein Mensch daran zerbricht. Werden wir wirklich umgehen können mit dem, was die Leute von der Polizei da bringen? Oder eben Mama schon gebracht haben.

Die Frau unterbricht meine Gedanken. “Du musst jetzt stark sein. Dein Vater hat versucht sich umzubringen …”

Bitte was!? “Niemals!” Das kann und will ich so nicht stehen lassen. Papa würde uns niemals so im Stich lassen … Aber dann weiß ich immer noch nicht, was vorher vorgefallen war und ihn und Mama die letzten Wochen so belastet hat …

Mama mischt sich ein: “Wie einfühlsam von Ihnen!” Den Sarkasmus hätte ich Mama nicht zugetraut. Nicht gegenüber so offiziellen Personen.

Lydia babbelt stolz “mammammamma” und klettert von meinen Beinen.

Auch der Polizist wacht aus seiner Starre auf: “Mensch, Karin!”

Kann mich bitte irgendjemand wecken?! Das hier kann alles nicht wahr sein. Was aber, wenn doch?

Polizei-Karin atmet jetzt tief durch und will offensichtlich etwas erwidern. Aber ihr Kollege unterbricht sie, noch bevor sie anfangen kann: “Ich übernehme das jetzt.” Er setzt sich mit an den Tisch.

“Pass auf, Rahel. Darf ich Du sagen?” auf mein Nicken hin legt er los: “Ich denke, Du bist alt genug, dass wir vernünftig miteinander reden können. Wir wurden heute kurz vor Mittag angerufen und informiert, dass da ein Mann auf der großen Fußgängerbrücke steht. Und wohl schon recht lange dort gestanden und in die Tiefe geschaut hat. Der Anrufer war besorgt um den Mann da oben. Er meinte, dass er diese Person recht gut kennen würde und ziemlich sicher um dessen heftige Sorgen wüsste. Als wir ankamen, stand der Mann noch immer da … “

“Und!? Lassen sie mich raten: Der Mann war Papa. Das ist eine der schönsten Brücken hier in der Gegend und man hat einen herrlichen Blick von da. Soweit ich weiß, darf man aber da gehen und auch stehen und man darf auch gucken, wohin man will, oder!? Auch in die Tiefe, wenn es einem gefällt, oder!?”

“Richtig. Kein Problem damit. Aber, wenn man dann als Polizei hinkommt, seine Sorge äußert und ihn bittet, von dort fort zu kommen, er aber keine Anstalten macht, ärgerlich wird und uns wegschicken will, dann bietet sich für uns ein anderes Bild.”

Ich sehe kurz zu Mama. Sie versucht gefasst zu bleiben, kann das leichte Schluchzen aber nicht wirklich unterdrücken. Ist ihre Niedergeschlagenheit ein Hinweis?

“Was, wenn Sie sich irren? Ich meine, Sie kennen Papa nicht! … ” Ich will über Papas viele einsame Wanderungen erzählen und die Möglichkeit, dass heute kein Einzelfall und darum nicht bedenklich sein muss.

Aber er unterbricht mich: “Weißt du Rahel, das mag sein, und darüber haben wir mit deiner Mutter auch schon gesprochen. Aber als Polizei haben wir den Auftrag, Leib und Leben zu schützen. Das ist unser Job, eine Vorschrift, und nicht nur eine Option. Und wenn uns ein befürchteter Suizid gemeldet wird, dann müssen wir eingreifen. Das verstehst du? Richtig?”

Ich schließe kurz die Augen. Klar ist das logisch! Aber nicht bei Papa! Das ist einfach Quatsch!

“Was war das für einer? Der Anrufer, meine ich? Was wusste der denn über so Schlimmes über Papa?”

“Tut mir leid! Darüber dürfen wir nicht reden.”

Nenn mich paranoid, aber hier muss der Hund begraben liegen! 

“Das heißt also, jeder kann bei Ihnen anrufen und was über jemanden anderen erzählen. Und wenn der es geschickt anstellt, rücken Sie aus und … Wo ist Papa jetzt eigentlich?” 

Was hatten die mit ihm angestellt? Schließlich haben sie ihm doch “Leib und Leben” gerettet. Sonst wäre die überbrachte Nachricht ja eine andere gewesen. Sollte er dann nicht wieder hier sein? Oder gibt es noch mehr?

Er sieht Karin an. Die zuckt nur mit den Schultern und wendet sich wieder Mama und Lydia zu. Mama scheint komplett abwesend und Lydia macht lustige Grimassen. So unreal das alles!

“Okay. Deine erste Frage: Ja, theoretisch hast du recht. Aber wenn einer uns Name, Adresse und Beruf von jemandem sagen kann, und dazu von seiner Beziehung zu der Person und dessen besonderen beruflichen Herausforderungen, dann gehen wir erstmal von der Wahrheit aus. Außerdem spielt es ja auch eine Rolle, wie wir die Person dann vorfinden. Und nicht nur wir. Es war auch ein Notfallpsychologe vor Ort.”

5. Begnung

Boah! Nee! So was hatte ich ja noch nie. Ich will hier raus. Das ist doch nicht normal!

Normal ist das wirklich nicht. Und ich MUSS raus. Ich glaub, hier drin krieg ich noch einen Koller, oder was auch immer. Die Polizisten sind weg. Aber erst nachdem sie uns ganz, ganz deutlich gemacht hatten, dass sie sich um Papa und uns rechte Sorgen machen.

Wer’s glaubt!

Ich muss ehrlich sagen, ich weiß gar nicht mehr, was ich glauben soll. Ich meine, ich habe keine Ahnung von den Schwierigkeiten, die der Anrufer bei der Polizei erwähnt haben soll. Aber das würde ja irgendwie auch mit meinen Beobachtungen der letzten Wochen zusammenpassen. Sie vermuten, dass Papa aus bisher ungeklärten Gründen oder eben wegen der Schwierigkeiten wohl gerade eine kleine Schraube locker hat und ihm darum leider zugetraut werden muss, dass er sich und andere in Gefahr bringen könnte. Sie könnten es sich nicht erklären, wo er doch sicher als Pastor ein ganz respektabler Mann wäre.

Das ist doch alles krass. Krank! So verrückt. Ich sag Dir was: Irgendwas stinkt hier und zwar ganz gewaltig. Manches klang so schwulstig. Die haben sich doch die Hälfte selbst nicht geglaubt.

In der Endkonsequenz haben sie uns schlichtweg mitgeteilt, dass sie Papa gegen seinen Willen nicht nur da von der Brücke runter geholt hatten, sondern auch noch zur Überwachung in eine Klappse, sorry: psychatrische Anstalt, gesteckt haben. Da würde man ihm jetzt helfen.

Kommen die Schwierigkeiten wohl vom Knall, oder der Knall von den Schwierigkeiten. Ich bezweifle, dass er dort Hilfe bekommt, die ihm Hilfe ist. Höchstens Hilfe, die denen hilft.

Ich hatte mich für den Rest des Gespräches wirklich zusammengerissen. Ich habe mich benommen und nix weiter gesagt. Wer weiß, sonst hätte ich vielleicht Papa gerade noch Gesellschaft leisten dürfen. Aber jetzt ist mir dafür zum Explodieren. Meine merkwürdigen Zwischengedanken machen mir ein wenig Angst. Ich muss hier raus. Muss mich auspowern! Sonst fang ich noch an zu heulen oder zu schreien. Und das kann ich Mama nicht antun. Mindestens für sie und die Kleinen muss ich jetzt stark sein.

Was für Zwischengedanken?

Ich habe noch nie Selbstgespräche geführt. Und schon gar nicht mit solchen … fremden? … Gedanken. Warum JETZT? Vielleicht werde ich ja doch verrückt. Vielleicht liegt irgendwas in den Genen …, was jetzt ausbricht – bei Papa und mir. Oder es ist was Ansteckendes. Wo auch immer Papa das her haben kann …

Oh ja! Wahrscheinlich hast du recht! Hast du heute was Komisches gegessen oder getrunken? Ist Drogen ein Thema an deiner Schule?

Hallo!? Wo kommt das her? Das bin nicht ICH! Oder!? Bist du das, Gott? Oder kommt das von der anderen Seite? Hilfe! Der Nebel von vorhin. Der wohnt jetzt nicht nur in unserer Wohnung, sondern richtig in meinem Kopf. Kann mir irgendjemand helfen? Vielleicht ohne, dass ich Papa Gesellschaft leisen muss. Mama braucht mich doch hier.

Warte! DU kannst MICH hören? Oder besser: MEINE Gedanken?

Ich weine gleich! Ich frage mich doch nicht ernsthaft, ob ich meine Gedanken hören kann! Und noch dazu so erstaunt. Das ist einfach nicht wahr. Hatte Samuel in der Bibel das als Kind nicht auch erlebt. Mehrmals, weil er nicht gecheckt hatte, dass das Gott war. Ist das hier auch so was? Aber Gott sollte nicht erstaunt sein, dass ich ihn höre.

Kannst du deinen Gedanken mal eine kurze Pause gönnen. Vielleicht kann ich das ja aufklären …