Leseprobe „KopfStürme – Kampf der Schatten“

Es reicht! Für heute und sowieso! Alles ist irgendwie gegen mich. Ich meine, es kann doch nicht sein. So blöd bin ich nicht. Aber seit einiger Zeit ist hier einfach der Wurm drin. Keine Klausur krieg ich irgendwie richtig hin. Nicht wirklich keine. Aber, wenn ich die in den Matheseminaren nicht auf die Reihe kriege, kann ich das Studium komplett vergessen. Dabei ist das so wichtig. Damit ich es endlich beweisen kann.

Huch!

Was machst Du denn hier. Ja, genau Du. Dich meine ich. Ja schau nicht so verdattert. Du!

Ich bin doch allein nach Hause gekommen. Und auch allein hier in mein Zimmer. Tür zu und alles. Und jetzt sitzt Du hier und beobachtest mich. Ist schon ein bisschen merkwürdig. Findest Du nicht? Sieht auch nicht so aus, als ob Du wieder gehen willst. Und im Rausschicken von so Leser-Beobachtern habe ich keine Erfahrung. Was hast Du vor? Was willst Du von mir?

Vielleicht wissen, warum ich vorhin so wütend war, als ich aus der Uni raus bin? Oder warum ich die Zimmertür hinter mir zugeschmissen und erstmal geheult habe?

Aber vielleicht bist Du ja gar nicht nur neugierig. Vielleicht kannst Du mir ja sogar helfen.

Nun ja. Ich denke, das werden wir rausfinden.

Bin mir gar nicht so sicher, wie lange Du schon da bist. Kurz zur Erklärung also: Da an der Uni studiere ich Biochemie, weil … Ach, das ist erst mal nicht so wichtig. Ich liebe Naturwissenschaften, und da passt das ja ganz gut. Und das klappt hier ja auch einigermaßen. Nicht überragend, aber ich komme gut durch. Und es ist auch wirklich spannend. Wenn da nicht Mathe wäre. Informatik auch etwas, aber das ist nicht ganz so wild. Jedes Mal Mathe! Und immer wieder schrammel ich nur ganz knapp an einem Durchgefallen vorbei.

Ey! Guck Dich mal im Spiegel an! Ich bin kein Versager! Und ja, mir war auch klar, dass Mathe in dem Studium eine wichtige Rolle spielt. Ich war ja auch in der Schule nie schlecht darin. Im Gegenteil. Genau darum verstehe ich das ja jetzt auch nicht.

Ich denke, ich muss mich da einfach noch viel mehr reinknien. In meinem Grundlagenbuch aus dem ersten Semester hatte ich mir doch eine Liste notiert. So weitere Arbeitsbücher und Literatur. Ich fürchte, wenn ich dem jetzt nicht meine volle Aufmerksamkeit gebe, kann ich hier alles abschließen. Ganz alles!

Nicht SO schlimm? Wenn DU wüsstest!

Kann ich mal dahinten ans Regal?

Ah! Oh! Du musst gar nicht aufstehen!? Das ist spannend. Du bist richtig hier in meinem Zimmer und doch irgendwie nicht.

Gut. Hier irgendwo müsste es sein. Zwei oder drei Hilfen von der Liste habe ich noch nicht ausprobiert. Und die Liste war nicht kurz. Ungefähr zehn Vorschläge oder so. Aber ich schaffe das. Wirst schon sehen.

Da! Genau.

Also dann …

Schon verrückt, dass ich hier jetzt auch schon wieder so viele Bücher habe, dass ich sie nur ins Regal pressen kann. Reinpressen geht ja immer irgendwie. Nur rauskriegen, wenn man eins braucht …

Warum klemmt das denn so?

Muss ich doch noch auf die Knie.

Ach so, da liegt noch was drauf! Sag ich ja, einfach zu viele Bücher …

Das hier sieht merkwürdig aus. Was ist das?

Moment …

Draußen im Flur wird es unruhig. Hannah ist also auch von ihrer Fakultät zurück. Und ich weiß, was jetzt gleich kommt. Dass sie anklopft, habe ich von ihr eingefordert. Ich meine, ich könnt sonst was hier machen. Aber in so einem Fall muss ich halt meine Tür abschließen. Wenn ich dran denke. So einen Fall gab es aber noch nicht.

Okay, es geht los. Das Klopfen ist noch harmlos.

„Hey, Klara!“ Kollektives Zusammenzucken, weil die Tür gegen den Schrank dahinter knallt.

„Ups! Sorry!“ Hannah sieht aus wie der Unschuldsengel in Person. So schon. Und sie tut so. Immer.

„Ich habe Schokokuchen mitgebracht. Dachte du könntest den vielleicht gebrauchen. Du hast doch heute das Ergebnis gekriegt, oder!?“ Sie sieht sich im Zimmer um, als ob man es hier irgendwo erkennen könnte.

Aber Dich sieht sie nicht, oder?

Hm. Dachte ich mir.

Du kriegst aber mit, was sie macht?

Okay. Ist ja logisch.

Hannah sieht mich an. Mitleid. Sie studiert Psychologie. Sie kann das. Nicht, dass sie das nicht vorher auch schon gekonnt haben könnte. Ich vermute, sie war irgendwie wohl schon immer der Seelenklempner von ihrem Umfeld. Passt einfach zu ihr.

„Nicht schon wieder!? Du solltest ernsthaft drüber nachdenken, ob das wirklich DEIN Studiengang ist. Du kannst dich doch nicht für nix so kaputt machen!“

„Nee! Das Thema hatten wir! Und ich werde nicht einknicken. Wenn ich was will, dann schaffe ich das. Und warum soll ich das auch nicht schaffen. Ne Menge anderer Leute haben hier einen Abschluss in Biochemie gemacht. Ich werde kämpfen und ich werde siegen. Wirst Du sehen.“

Ihr Blick wandert. Zu meinen Händen.

„Was hast Du da? Schreibst Du jetzt doch Tagebuch?“

Mein Blick ist mit ihrem gewandert. Wann habe ich das Buch aus dem Regal gezogen? Viel wichtiger noch: Wie ist es überhaupt in mein Regal geraten?

„Sieht echt schön aus. Und könnte dir helfen …“

Ich habe das schon mal gesehen. Und die Erinnerung macht, dass meine Finger sich anfühlen, als würden sie Feuer halten. Das ist nicht gut.

„Also, ich meine ja nur …“

Die Hände wollen das nicht halten. Werden kraftlos. Das Buch fällt auf den Boden. Öffnet sich in dem kurzen Fall und liegt jetzt offen vor mir. Das machen Bücher normalerweise nicht! Zumindest nicht bei mir. Wenn mir ein Buch runterfällt, liegt es immer geschlossen am Boden. Immer. Das ist nur in Filmen und Büchern anders. Und dann auch nur, weil es was bedeuten soll. Aber nicht bei mir! Hier ist real. Und normal. Und überhaupt. Hier bedeutet das nichts. Darf nicht.

„Alles klar? Klara?“

„Ja. Ja, ja.“

Hannah kommt auch hinter meinen Schreibtisch und hockt sich neben mich. „So schlimm?“ Ihre Hand auf meiner Schulter ist zwar da. Aber was sie soll, kann sie nicht. Verantwortlich sind die Worte, die mich aus dem offenen Buch anspringen. Handschrift. Meiner zu ähnlich.

Allerliebste Klara,

Wie kann ich dir erklären, was man nicht erklären kann. Was selbst ich kaum begreifen kann …

Wenn sie wüsste, wie sie immer noch alles aufwühlt in mir. Wie ich ihr glauben will und doch nicht kann.

Plötzlich ein Leuchten auf dem Fußboden. Viereckig. Warmorange. Irgendwas spiegelt sich da. Direkt neben Hannah. Aber sie scheint es nicht zu bemerken. Eine merkwürdige Illusion. Als würden sich da Steine spiegeln.

„Komm. Ein Stück Kuchen, dann erzählst Du mir alles und dann unternehmen wir irgendwas, um Dich auf bessere Gedanken zu bringen. Gute Idee?“

Ich klappe das Buch zu. Das muss weg! Nicht ganz weg. Das würde ich dann doch nicht übers Herz bringen. Aber zu Leuten, die damit deutlich mehr anfangen können als ich. Sofort morgen nach der Uni.

„Ach Mensch! Da gibt es nicht viel zu erzählen. Halt einfach wie immer. Und es kotzt mich so an! Was in meinem Kopf funktioniert nicht mehr? Ich bin doch nicht dümmer als die anderen!? Aber Kuchen ist eine gute Idee. Nur unternehmen nicht. Die Prof hat mich für morgen zu einer Art Nachhilfe-Nachprüfungs-Gespräch bestellt. Keine Ahnung, was das genau werden soll, aber da sollte ich mir alles nochmal anschauen, denke ich.“

Beim Aufstehen merke ich, dass die Spiegelung verschwunden ist. Schade. Ich hätte gerne gewusst, wo das herkam.

Im Vorbeigehen stecke ich das Buch in meine Uni-Tasche. Morgen werde ich einen stabilen Briefumschlag besorgen und es dann gleich abschicken. Ist besser so. Trotzdem ist es mir immer noch ein Rätsel, wie das überhaupt hier bei mir landen konnte. Versehentlich eingesteckt habe ICH das bestimmt nicht.

Hannah ist schnell. Ich höre sie schon mit dem Wasserkocher hantieren. Sie und ihre Tee-Besessenheit. Bevor ich zu ihr in die WG gezogen bin, war ich gewissermaßen ein Tee-Analphabet. Mittlerweile habe ich Sachen probiert, da hast DU vermutlich noch nie was davon gehört.

Sehe ich das richtig, dass DU mich jetzt die ganze Zeit begleitest? Egal, was ich mache? Na ja, wie sollte es auch anders sein. Aber tu mir einen Gefallen, bitte! Ein paar klitzekleine private Plätze und Momente lässt Du mir, ja!? Du verstehst schon, was ich meine!?

Der Kuchen war gut. Wirklich. Und die Teesorte heute gar nicht so außergewöhnlich. Rooibostee mit Zimt-Blaubeer-Geschmack. Ich frage mich ja schon immer, wo sie sowas findet. War aber bisher noch nicht neugierig genug, das mal sie selbst zu fragen. Rooibos und Schwarztees trinken wir fast immer mit Milch. Und weil sie Laktoseintolerant ist, braucht es auch gar keinen Zucker rein. Ihre Milch schmeckt eh schon süßer. Normale kaufen wir gar nicht mehr. Aber so kommt der Geschmack insgesamt schon ziemlich nah an Kaffee ran. Gewissermaßen, wenn man von der Blaubeer-Note absieht.

Trotzdem habe ich das Gefühl, dass Hannahs komm-wir-essen-Kuchen-zum-Trost-Sessions eher für sie selbst sind. Sie mag ja psychologisch gesehen recht fit sein. Und Andere betüdeln kann sie auch gut. Weiß ich aus Erfahrung. Und das ist auch nicht übertrieben oder so, wie man das ja so von anderen Seelenklempnern manchmal hört. Aber ich glaube, dieser ganze Psycho-Quatsch, der macht sie übersensibel.

Thema heute: Ob sie wohl vorhin am Wochenmarkt eine Bäuerin beleidigt haben könnte, weil sie der gesagt hatte, dass sie ja am liebsten Boskop-Äpfel isst. Leider hatte die Frau diese Sorte nicht. Aber sie hatte wohl darauf hingewiesen, dass ein Stand am anderen Ende des Marktes welche hätte. Hannah hat dann aber doch bei der Frau eine andere Sorte gekauft und keine Äpfel an dem anderen Stand, weil sie die Frau ja nicht verletzen wollte. Um es kurz zu machen, hier war erstmal MEIN Beruhige-dich-alles-ist-gut gefragt.

Jetzt sitzen wir jede auf ihrem Zimmer. Allein wollte sie auch nicht los. Hannah meinte, sie versucht sich dann eben schon mal an den Vorbereitungen für eine Hausarbeit. Und ich bin wieder mit Mathe allein.

Allein war jetzt Dein Stichwort, oder!?

Nein, ich habe mich schon auch mit anderen aus den Seminaren zusammengesetzt. Mir wieder und wieder erklären lassen. Gemeinsam Aufgaben bearbeitet. Das Verrückte ist nur, dass dann immer alles logisch ist. Nachvollziehbar. Da gibt es keinen Punkt, wo ich eine Frage ansetzen könnte. Und ich fühle mich wie der allerletzte Depp, wenn die anderen MICH fragen, ob ich denn NUN alles verstanden hätte. Das hilft auch nicht wirklich.

Aber lass mich allein mit den Lernsätzen und Aufgaben und sofort ist wieder die Blockade da. Im ersten Semester schon. Und jetzt wieder. Das ist so zum Verrücktwerden. Aber das Gespräch morgen mit der Prof, das muss einfach laufen. Frau Hegold ist grundsätzlich superfreundlich und hilfsbereit, aber die Situation Nachprüfung macht mir ein bisschen zu schaffen. Ich war noch die der Typ für mündliche Prüfungen. Läuft bei mir einfach nur bedingt gut. Aber dann ist es ja auch irgendwie ein Gespräch. Und sicher, um mir ein paar Hinweise zu geben, wie ich das doch noch packen kann. Was auch immer der Knoten ist, der muss einfach platzen. Und so lange der das nicht tut, sitze ich eben hier und lerne wieder und wieder die Merksätze und gehe die Aufgaben durch, die schon bearbeitet wurden. Ich versuche mich an neuen Aufgaben und habe Ideen, wie ich das angehen könnte, aber keine Ahnung, ob ich damit richtig liege.

Es ist so zum Schreien. Und es ist ja auch nicht so, als ob ich nur Mathe lernen müsste. Zum Glück fällt mir das Mitkommen in den anderen Fächern etwas leichter, nur vorbereiten und nacharbeiten muss ich da trotzdem. Zum Beispiel sollte ich endlich mit dem Vortrag für Thermodynamik anfangen, der ist schon nächste Woche dran. Ab morgen hoffentlich.

Morgen, wenn das Gespräch vorbei ist.

Morgen, wenn das Buch abgeschickt ist.

Warum wühlt mich das immer noch so auf? Es ist so lange her. Fast vier Jahre jetzt. Warum wächst dieses blöde Loch nicht endlich zu? Warum kann sie mich einfach nicht in Ruhe lassen? Wegen ihr mache ich das doch alles! Damit alle verstehen, dass sie Unrecht hatte. Einfach aufgeben!? Als ob das die Lösung wäre! Sie hat es sich leicht gemacht und uns gezeigt, wie wenig wir ihr bedeuten. Von wegen allerliebste Klara. Das stimmt so nicht. Und trotzdem schlagen sich die anderen auf ihre Seite. Bis heute. Und ich bin ganz allein. Aber ihr werdet schon sehen! Ich kann das beweisen, wenn ich das hier alles geschafft habe.

Ich lese die Aufgabe vor mir gefühlt zum hundertsten Mal. Die Worte haben keine Bedeutung. Es ist nicht mal die Mathematik, die mir hier verborgen bleibt. Mein Kopf ist bei dem Buch und alles andere ist leer.

Wie soll ich so morgen ein vernünftiges Gespräch mit Frau Hegold haben können?

Einmal konzentrieren bitte!

„Ähm. Klara!?“

Zusammenzucken.

Warum immer so überraschend!?

Herzschlag auf Doppelgeschwindigkeit. Ganz ruhig atmen. Ganz ruhig. Damit ich Hannah nicht was Unüberlegtes an den Kopf knalle.

„Oh! Sorry.“ Räuspern. „Klopfen, richtig!?“

Ich drehe mich zu ihr um.

„Hm. Wäre schon gut. Zumindest, wenn Dir Dein Leben lieb ist.“

Keine Ahnung, ob mir mein Grinsen gelungen ist. Sie guckt jedenfalls wieder erleichtert. Nicht ganz.

„Eigentlich hatte ich ja gesagt, ich koche heute …“

„Ja. Und?“

„Naja. Lisa hat gerade angerufen. Ich … Ihr geht es nicht gut. Ich geh mal rüber und schaue.“

Lisa ist Hannahs Schwester. Gerade Mama von Zwillingen geworden. Alleinerziehend. Sicher nicht leicht so. Und mit gehen meint Hannah fahren. Lisa ist mit den Kleinen wieder bei der Mutter eingezogen, ungefähr dreißig Kilometer von hier. Heißt, meine Mitbewohnerin werde ich heute Abend und Morgen vor der Uni nicht mehr sehen. Möglicherweise sogar länger noch. Schon schade.

„Tut mir leid wegen dem Abendessen. Wirklich.“

„Hey! Das ist doch okay. Mach Dir keine Gedanken. Grüß Lisa von mir. Und knuddle die Mädchen.“

Bisher habe ich nur ein Foto von den beiden gesehen. Aber … hach! Einfach so niedlich.

„Und du kommst wirklich klar? Auch mit Deinem Gespräch morgen und so?“

Als ob sie da was machen könnte.

„Logisch. Easy oder so.“

„Und essen? Soll ich dir noch eine Pizza bestellen?“

Ich muss grinsen. Arme liebe Hannah.

„Ganz ruhig. Ich bin schon erwachsen. Notfalls esse ich eben deine Kochzutaten roh, wenn mir nix Besseres einfällt.“

Endlich lächelt auch sie wieder.

Ich stehe auf und gehe die zwei Schritte zu ihr. Manchmal vergesse ich, wie schwer sie an den Sorgen der anderen schleppt.

Unsere Umarmung ist zwar nicht ganz selbstlos gedacht von mir, hilft ihr aber hoffentlich auch. Das Strahlen in ihren Augen tut jedenfalls so.

„Mach’s gut, Süße. Du bist einfach echt ein Schatz. Ich wünsche Dir viel Kraft für Deine Lieben.“

„Und ich drücke Dir die Daumen für morgen.“ Dann ein Blitzen in ihren Augen. „Und ein kleines Gebet kann ja auch nicht schaden, auch, wenn Du davon nichts wissen willst.“

Mein Luftholen zum Widerspruch unterbricht sie. Ist mittlerweile schon fast Ritual bei dem Thema.

„Nö! Und dran hindern kannst du mich sowieso nicht.“ Schaut mir direkt in die Augen. „Das hilft. Wirst schon noch sehen. Mach’s gut.“

Und schon ist sie wieder raus. Ihre Tasche hatte sie offensichtlich schon fertig, denn die Wohnungstür ist auch gerade ins Schloss gefallen.

Das mit ihrem Beten und so verstehe ich echt nicht. Ihre Familie hat schon so viel durch. Wie kann sie da noch davon überzeugt sein, dass das wirklich hilft. Vielleicht ist das ja irgend so eine Form von Selbstbeeinflussung oder so, die ihr hilft, den Kopf über Wasser zu behalten. Und wenn das wirklich hilft. Vielleicht sollte ich das dann für morgen doch mal probieren. Wäre schon noch gut, wenn sich die ganze Situation endlich ein bisschen drehen würde und ich nicht so schwer kämpfen müsste. Dieses Kämpfen das raubt mir so die Kraft und die Lust und überhaupt alles. Wenn ich nicht müsste …

NEIN! Diesen Gedanken will ich nicht mal ansatzweisen denken. Aufgeben geht nicht. PUNKT!

Aber wenn Gebet, an wen wende ich mich dann? Mit wem rede ich dann?

Nein, Gott ist keine Option. Was soll der schon ausrichten können. Mag ja sein, dass der sich das alles hier ausgedacht hat. Aber gut durchdacht hat er das nicht. Was habe ich zu ihm gefleht vor vier Jahren! Und was passiert? Am Ende stehe ich ganz allein da.

Nein, ich rede nicht mit jemandem, der mich erst in diese Welt setzt, mir große Versprechungen macht und mich schließlich mir selbst überlässt. Wie soll ich so jemandem vertrauen?

Ich denke, ich werde das Thema fürs erste vertagen. Hannah fragen wäre vielleicht eine Option, aber damit muss ich sowieso noch warten. Mich selbst beeinflussen muss auch irgendwie anders gehen können. Und bis mir da was einfällt, versuche ich mich einfach weiter an Mathe. Ist ja nun mal leider nicht so, dass sich das von selbst in meinen Kopf schleicht.

Na super! Guten Morgen Welt.

Ah! Und Du bist ja auch wieder da. Oder immer noch? Muss mich echt dran gewöhnen, dass Du jetzt überall dabei bist. Oder vermutlich nicht mal überall, sondern nur dort, wo es spannend wird. Für Dich. Für mich dann wahrscheinlich nur blöde. Wie gestern. Erst die Verzweiflung wegen der nächsten vergeigten Klausur, dann das Buch. Das Verrückte ist ja, ich kriege nicht mit, wenn Du gerade mal nicht hinschaust. Nur, wenn Du guckst. Aber das vermutlich auch nicht immer. Nur das sollte dann ja wohl eine Warnung für mich sein. Hast Du eine Idee, wie lange Du hier bist?

Hm. Natürlich nicht! Kommt ja schließlich drauf an, wie dämlich oder clever ich mich anstelle, um das hier endlich zu packen. Aber, wenn Du erst seit gestern da bist, heißt das ja wohl, wir sind erst am Anfang. Und wenn ich mir dann so ein ganz normales Buch vorstelle ….

Das hier ist schon normales Buch, oder?

Oha! Das macht mich gerade ein bisschen unruhig. Warum guckst Du jetzt so nachdenklich?

Ist es also kein normales Buch?

Doch? Oder nicht?

Du machst mich verrückt! Ein Thriller?

Wie? Was heißt eigentlich?

Na gut. Ein Krimi?

Was meinst Du mit Fantasy?

Das ist doch Quark! Das ist mein normales Leben. Das einzige Unnormale ist, dass Du hier bist. Fantasy gibt’s bei mir nicht. Ich denke, da hast Du Dich vergriffen. Vermutlich falsch einsortiert oder so. Würde ich reklamieren an Deiner Stelle.

Stand sonst noch was drauf? Auf dem Buch meine ich. Also, warum Du ausgerechnet mich gegriffen hast …

Das Thema? Jemanden zu verlieren ohne Versöhnung und so?

Das ist jetzt nicht fair. Außerdem liegt das ja auch schon viel zu lange zurück. Hatten wir ja gestern. Mein aktuelles Thema ist mein Studium und warum ich einfach keinen Fuß reinkriege. Auch nach anderthalb Semestern noch nicht. Wenn das nicht Dein Thema ist, dann denke ich, bist Du bei mir nicht unbedingt richtig.

Das Buch von gestern? Was meinst Du damit?

Ich weiß doch selbst nicht, wo das hergekommen ist. Das ist reiner Zufall. Und ab heute Nachmittag ist es unterwegs dorthin, wo es hingehört. Ja, sicher hat es was mit dem vor vier Jahren zu tun. Aber für mich ist die Sache abgeschlossen. Ich werde da nicht mehr drin herumrühren. Und ganz ehrlich, ich finde es unfair, dass Du es tust. Ich dachte, ich hätte gestern klar gemacht, was ich davon halte. Und nein, ich werde nicht nochmal reinschauen. Ganz sicher nicht. Nicht, nach dem, was es gestern mit mir gemacht hat. Irgendwie ist es sogar in meinem Traum vorgekommen. Vermutlich nicht auf eine nette Weise. Und wäre der Wecker nicht gewesen, könnte ich mich vielleicht sogar erinnern. Das Lernen und Mathe und Lisa mit den Babys waren irgendwie auch in meinen Traum gerutscht. Kein Wunder, dass ich so fertig bin jetzt.

Aber es wird Zeit, ich muss mich startklar machen. Immerhin wartet heute ein wichtiges Gespräch auf mich. Und von den anderen Veranstaltungen was verpassen will ich auch nicht.

Ich überlasse es Dir, was Du jetzt mit mir machst. Aber ich fürchte einfach, dass ich dir nicht bieten kannst, was Du dir hier erhoffst.

Du hast dich also entschieden, mich weiter zu begleiten.

Warst Du eben in der Vorlesung auch da? Da kannst Du sicher verstehen, warum mich das Studium so fasziniert. Da ist so viel möglich, weißt Du. Und wenn man die Forschung nur noch ein Stück weiter voran bringt …. Irgendwann wirst Du vielleicht meinen Namen im Zusammenhang mit Verbesserung der Krebstherapie sehen … Das muss machbar sein.

Moment! Aber das ist es jetzt nicht, oder? Eine Art Biografie, wie ich trotz anfänglicher Schwierigkeiten für maßgebliche Fortschritte in der Medizin sorge …

Nein? Na gut. Hätte ja sein können. So ein bisschen Ermutigung hätte ich jetzt echt gebrauchen können.

Die Tür von Frau Hegold steht offen.

Kurzer Uhr-Check. Bin noch vor der Zeit. Also alles gut.

Soll ich jetzt lieber die zwei Minuten warten oder schon hingehen und klopfen?

Warten kann ich fast nicht. Die Aufregung. Wie heftig wird das Nachprüfungs-Gespräch werden? Und was das andere?

Die Tür vom Nachbarzimmer geht auf. Meine Prof. Kopf blank. Na herrlich!

„Ah! Frau Tillit.“ Ihr Blick irgendwie auch freundlich, aber definitiv strenger als erwartet. „Ich hatte Sie vor einer halben Stunde erwartet. Sie hätten mich durchaus informieren können, dass es später wird.“

Unmöglich. Da war doch die Vorlesung drüben in der anderen Fakultät erst fertig.

„Das ist sicher ein …“

„Lassen Sie uns keine Zeit verlieren. Ich habe auch noch andere Dinge zu tun. Kommen Sie!“

Warum habe ich gerade das Gefühl, dass das hier nicht so ausgehen wird, oder kann, wie ich mir das erhoffe? Egal, wie ich mich anstelle. Kann ich da noch was retten?

„Setzen Sie sich bitte.“

Der Stuhl ist eigentlich bequem, aber das ändert nichts an der merkwürdigen Stimmung. Hier? Oder nur in mir?

„Das mit der Zeit tut mir wirklich leid. Ich hätte bestimmt …“

„Ach, ändern können wir es nun ja auch nicht mehr. Lassen sie uns anfangen.“

Ihre Augen fragen. Aber sie scheinen nur auf mein Nicken zu warten. Also los.

„Ich will nicht um den heißen Brei herumreden, wie man so schön sagt. Ich habe mich ein wenig umgehört. Mein Fach ist offensichtlich nicht das einzige, wo Sie sich schwertun. Wenn das alles an Leistung ist, was Sie bringen können, oder wollen, dann möchte ich Ihnen raten, über einen Wechsel des Studiengangs nachzudenken. Das hier sind nur die Grundlagen. Einfacher wird es nicht. Wenn Sie schon damit nicht klarkommen und das nicht innerhalb kürzester Zeit aufholen, dann schaffen Sie es nicht über das zweite Semester hinaus.“

Wenn ich meine Kiefermuskeln ordentlich anspanne, haben die Frust-Tränen keine Chance. So war das nicht geplant!

„Verstehen sie mich nicht falsch. Ich schätze Sie. Als Mensch. Als Studentin. Ich möchte Ihnen auch gerne helfen. Aber wenn ich die Kollegen richtig verstehe, dann werden Sie sehr viel Nachhilfe benötigen. Ich bin mir nicht sicher, ob Sie sich damit tatsächlich einen Gefallen tun. Vielleicht ist es nur ein Knoten, oder in Ihrem Fall ja wohl einige, die jetzt platzen müssten. Und vielleicht läuft danach ja alles ganz locker. Aber dieser eine große Kampf, der jetzt ansteht, der kann Sie eine Menge kosten. Und ich meine damit nicht an Geld. Ich meine Kraft, Zeit, Schlaf, Lebensqualität. Bitte prüfen Sie das für sich, ob Sie das wirklich wollen.“

Mein Kopf nickt automatisch. Das ist das einzige, was ich will. Mein einziges Lebensziel. Seit der Sache vor vier Jahren. Es gibt keinen anderen Weg. Es gibt keine Alternative. Koste es, was es wolle. Ich muss. Und ich will. Und ich werde.

Jetzt habe ich die Adresse von einer älteren Studentin zur Nachhilfe und die ISBN von zwei Arbeitsbüchern und noch einem Lehrbuch zum selbst Durcharbeiten. Das gehe ich alles heute Nachmittag an. Jetzt erstmal noch zum zweiten Seminar für heute. Die Zeit ist ein wenig knapp jetzt. Frau Hegold hatte sich doch noch recht viel Zeit für mich genommen. Aber nun wieder rüber zum anderen Campus muss schnell gehen.

Mist! Die Straßenbahn kriege ich nicht mehr.

Ich bin zwei Minuten zu spät.

Solche peinlichen Auftritte vermeide ich eigentlich lieber.

Aber, wie habe ich gerade noch gesagt? Ich will kämpfen. Und ich werde es schaffen.

Also rein! Und los!

Noch so eine Sache! Das ist einer von den Seminarräumen, wo die Tische in U-Form stehen. Wie eine Arena. Klar kann man so besser diskutieren und so. Aber genauso offensichtlich ist man eben auch für jeden Anwesenden, wenn man später reinkommt. Zum Glück muss ich mich nur hinter zwei Leuten vorbei drängeln, bis ich am ersten noch freien Platz bin. Setzen und gut.

Ich bin noch ziemlich aus der Puste. Beschert mir auch nicht nur angenehme Blicke. Ist aber jetzt egal. Schnell Material raus und orientieren, was heute genau dran ist. Wegen Mathe hatte ich gestern nicht nochmal drauf geschaut. Sollte mir auch nicht unbedingt häufiger passieren.

Irgendwie hängt die Mappe fest. Vermutlich das Gummiband irgendwo. Gibt’s ja nicht! Muss ich halt etwas stärker ziehen.

Okay! Jetzt …. Geht trotzdem schwierig.

Ist aber auch kompliziert, so halb unter Stuhl und Tisch.

Plötzlich ein dumpfer Knall unter dem Tisch.

Die Mappe ist auf einmal super leicht und meine Hand haut mit Schwung von unten gegen die Tischplatte.

Der Schmerz macht, dass die Mappe auf den Boden fällt.

Die irritierten Blicke der einen und das Kichern der anderen macht das Ganze nicht angenehmer.

„Frau Tillit, sind Sie jetzt eventuell irgendwann fertig, dass wir anfangen können!?“

Aus Kichern wird Lachen.

„Tut mir leid. Ich … heb das nur noch auf …“

Und dafür muss ich gewissermaßen unter den Tisch kriechen. Gibt es hier vielleicht ein Loch im Boden, in das ich mich gerade eben mal unbemerkt verkriechen kann? Oder hat der Tag noch einen Programmpunkt, den ich unter keinen Umständen verpassen darf?

Glücklicherweise ist aus der Mappe nichts von den losen Zetteln rausgerutscht.

Und unter der Mappe … Das Buch. Schon wieder. Und wieder aufgeschlagen …

Es ist ja nicht das erste Mal. Nur weiß ich nicht, wie ich Dir davon erzählen soll, ohne Dich noch mehr durcheinander zu bringen …

Und … ich fasse es nicht. Mitten im Seminarraum ein warmes orangenes Leuchten. Woher kommt das? Was reflektiert der Fußboden da? Wie gestern. Auch so rechteckig. Vielleicht ein Meter mal anderthalb oder zwei. Schwer zu sagen von hier unten.

Ist das irgendwie eine Wetterlage?  Aber gestern war auch später. Und so sonnig ist das gar nicht. Aber vielleicht ist es ja genau das. Derselbe Farbton. Dasselbe Muster. Die anderen müssten das doch jetzt auch sehen. Oder sieht man das nur von hier unten?

Bloß vorsichtig auftauchen, um nicht noch einen Gungs zu verursachen.

Nein. Mit Kopf, Unterlagen und aufgeschlagenem Buch wieder über der Tischplatte sehe ich immer noch das Leuchten in der Mitte vom U.

Die Blicke der anderen. Sind nicht auf dem Leuchten. Sondern auf mir. Ich nicke der Seminarleiterin zu und schaue wieder zur Mitte. Ich höre, wie sie das Thema einleitet. Erkenne Worte wie Zusammenfassung und Referat. Bin doch nicht anwesend. Was ist das da?

Es spiegelt tatsächlich das Licht von Fenster. Aber das orange Leuchten kommt wie von unten drunter. Als ob das Viereck aus Glas wäre. Und das Muster. Es könnten alte Steine sein. Steinstufen. Eine Treppe? Plötzlich? Mitten im Zimmer? In der dritten Etage!?

Hat die Mathe-Prof am Ende Recht und ich überfordere mich jetzt schon?

Das darf nicht sein. Ich muss mich einfach konzentrieren!

Buch zu und Unterlagen auf. Jetzt erinnere ich mich auch wieder an letzte Woche. Bis zu meinem Auftritt da vorn habe ich noch etwas Zeit. Heißt aber auch, dass ich bis dahin eben gut dranbleiben muss, um richtig anzuknüpfen und nix doppelt zu erzählen.

Bei meinem nächsten Blick in die Mitte ist das Viereck weg.

Na bitte.

Die Kommilitonin mit dem heutigen Referat steht jetzt auch vorn. Aber ich bin dabei.

Vielleicht nicht ganz. So ein bisschen wundert sich mein Kopf doch. Besonders über das Leuchten. Was das war. Vor allem so ähnlich gestern und heute. Aber auch über das Buch. Was meinte sie mit „nicht das erste Mal“ und „noch mehr durcheinanderbringen“?

Warum habe ich da nicht weitergelesen?

Weil ich das nicht will. Punkt!

Die Sache ist für mich abgeschlossen. Das hat mich genug gekostet. Damals. Und bis heute.

Aber was, wenn ich etwas Entscheidendes nicht weiß?

Nur, was sollte das sein? Wir hatten alles durchdiskutiert. Alles. Und mehr als einmal.

Bloß, was meinte das dann?

Welche Seite war das nochmal?

Dann werde ich ja sehen, dass es absolut nichts zu bedeuten hatte.

Moment …

Hier die Seite von gestern …

Oha! Das gibt es ja gar nicht!

Das Licht. Es ist wieder da. Wie eben. Und niemanden interessiert es.

Das ist doch verrückt!

Hat es etwa was mit dem Buch …?

Warte!

Tatsächlich.

Wenn das Buch einen Moment geschlossen ist, ist das Viereck weg.

Aber …

Offen, … und es passiert nichts?

Was ist jetzt los? Doch nur Zufall?

Oder …

Vielleicht muss es einfach nur die richtige Seite sein. Nicht nur zufällig irgendwo mittendrin. Was steht hier? 

… verstehen, dass Leben mehr ist als nur viele Jahre. Ich habe sechzehn Jahre extra geschenkt bekommen. Aber jetzt reicht die Kraft nicht mehr.

Was meint …?

Oh! Da ist es ja doch wieder. Und es sieht aus, als wäre ein Griff an dem Glas.

Hast Du auf so etwas gewartet? Ist das jetzt Deine Fantasy? Dann kennst Du Dich ja bestimmt mit so was aus. Was mache ich jetzt?

Du spinnst ja total! Wie soll denn das aussehen, wenn ich da jetzt mitten im Seminar aufstehe, dahin gehe und probiere, was es mit dem Griff auf sich hat? Und am Ende lasse ich damit eine ganze Horde Hexen und Feen und Drachen und Sonstwasse aus Deinen Fantasy-Geschichten hier rein. Obwohl das ja auch albern ist. So was gibt es nicht. Höchstens in Märchen. Aber dann, dieses gläserne Leuchten mit Griff? Gibt es sicher auch eine logische Erklärung dazu …

Du bist Dir also ganz sicher? Fantasy und nix anderes?

Urban Fantasy? Was ist das?

Außergewöhnliche Sachen in der normalen Welt?

Na Klasse! Also sowas hier dann?

Bleibt aber immer noch die Frage, was ich jetzt damit mache, oder? Ich meine, ich könnte das ganz einfach ignorieren. Ganz normal weitermachen, richtig?

Ja. Ich gebe ja ehrlich zu, dass ich ein bisschen neugierig bin. Ich meine, sechzehn Jahre! Ich war sechzehn. Aber das heißt ja nicht, dass ich …

Ich kann auch so drin lesen. Sicher! Aber nicht jetzt! Ich habe ein Ziel. Und das werde ich nicht verraten. Um keinen Preis.

Worum geht es gerade nochmal? Mist! Offensichtlich schon fast durch mit dem Referat. Und ich habe nichts mitgekriegt.

Es geht einigermaßen, sich für den Rest des Seminars zu konzentrieren. Mit Hilfe des Papers und der Präsentation. Ich denke, da habe ich nochmal etwas nachzuarbeiten. Noch was auf die mentale To-Do-Liste für nachher. Die explodiert gefühlt gerade. Obwohl ich ja dann jetzt auch erstmal nicht zur Post gehen werde. Gibt extra Zeit. Aber trotzdem: Bücher bestellen, Nachhilfe anmailen, hier nacharbeiten, im Buch lesen. Im Buch nur kurz. Geht ja sicher auch schnell. Und dann schicke ich das morgen eben auf die Reise. Hat ja keinen Zeitdruck. Also ich meine, weg muss es. Das ist klar. Ich habe ja keine Verwendung dafür. Nicht wirklich.

In der Straßenbahn war ich die ganze Zeit hibbelig. Eigentlich ohne Grund. Eigentlich sollte es mir ja egal sein, was ich in dem Buch finde. Es ist nicht mehr wichtig. Habe ich mir zumindest versucht einzureden. Hat aber nicht funktioniert. Ich habe es dann rausgenommen und wieder die erste Seite aufgeschlagen. Das von gestern.

Allerliebste Klara,

Wie kann ich dir erklären, was man nicht erklären kann. Was selbst ich kaum begreifen kann …

Das ist alles, was da steht. Und weiter kam ich auch gar nicht. Weil da plötzlich Tränen waren, die da gar nicht hingehören. Weil ich Angst vor noch mehr unerwartetem hatte. Und weil das leuchtende Viereck wieder da war. In der überfüllten Straßenbahn. Auf dem Gang neben meinem Sitz. Unter den Leuten, die da standen. Denen offensichtlich nichts davon aufgefallen ist. Ich hatte so aber Gelegenheit, mir das zwischen den vielen Füßen etwas genauer anzuschauen. Nachdem ich mein Gesicht hoffentlich unauffällig genug wieder getrocknet hatte. So nahe bei mir war es gestern und heute noch nicht gewesen.

Es scheint tatsächlich eine Glasscheibe zu sein mit einem metallenen Griff auf der einen Seite. Und darunter eben dieses Licht. Ich konnte nicht sehen, wo es herkommt. Aber dieses Muster sah wirklich aus wie eine Treppe. Was absolut surreal wirkt in einem sich über der Straße bewegenden Waggon. Wie kann da eine statische Steintreppe tief nach unten führen.

Aber halt die Sache mit Fantasy. Ich habe kein Problem damit, wenn es sonst nichts mit mir macht. Meinetwegen soll es doch da sein. Ich bin auch nicht so neugierig. Ich muss nicht wissen, was am unteren Ende der Treppe ist.

Die Treppe selbst war aus Natursteinen. Schien jedenfalls so. Und das Licht … Ich kann mich getäuscht haben, aber es sah so aus, als hätte es leicht geflackert. Kerze vielleicht. Passt ja auch eher zu Fantasy als Halogen-Strahler, oder?

Jetzt stehe ich vor unserer WG-Wohnungstür. Und ich krieg Puls und Atmung einfach nicht auf Normal.

Nein. Ich bin nicht hierher gerannt. Ich habe von dem Weg so gut wie nichts mitgekriegt. Voll automatisiert. In Gedanken. Dieses blöde Buch nimmt mich stärker mit, als mir lieb ist. Und das Leuchten. Und, dass Du mich die ganze Zeit beobachtest. Ich frage mich ja schon ein bisschen, worauf Du jetzt eigentlich aus bist, wenn Du hier mitliest. Ich kenne mich blöderweise zu wenig aus mit diesen Buchdingen. Nicht, dass ich nicht gerne lese. Aber, was erwartest Du? Was kommt jetzt? Und was genau macht das mit mir?

Unten im Treppenhaus ist jemand. Sieht sicher blöde aus, wenn ich hier vor meiner Tür stehe, ohne reinzugehen. Ist ja auch blöde. Warum sollte ich nicht in meine Wohnung gehen können? Warum sollte ich da irgendwas Unnormales erwarten? Ich habe heute Morgen abgeschlossen und außer Hannah hat niemand den Schlüssel. Also …

Na bitte. Alles normal.

Ich verstehe echt nicht, warum ich mich so aufgeregt habe.

Dasselbe komische Gefühl vor meinem Zimmer. Mensch!

Krieg dich ein, Klara!

Trotzdem mache ich die Tür nur vorsichtig auf.

So was Dämliches! Ich meine, was soll hier schon so Bedrohliches sein? Und das alles wegen dem Buch. Am besten, ich bringe das gleich hinter mich. Dann weiß ich, was da drinsteht und kann die Sache ein für alle Mal abhaken. Nur noch schnell einen Tee machen. Ein bisschen Mut antrinken … Haha!

Rooibos-Vanille. Ist für mich aus irgendeinem Grund der kuscheligste Tee überhaupt. Mit Milch. Schmeckt nach Geborgenheit und Ruhe. Kann ich beides gerade gebrauchen.

So.

Am Schreibtisch.

Damit das so neutral wie möglich bleibt.

Und nicht ablenken lassen. Vor allem nicht von irgendwelchen Erscheinungen. Ich will nur wissen, was in dem Buch steht. Fertig.

Die Finger rechts klopfen auf den Buchdeckel. Ein schöner übrigens. So old romantic Style. Rot und grün mit goldenen Ornamenten dazwischen. Vielleicht ein bisschen abgegriffen. Eventuell ist das aber so gewollt. Die linke Hand kann sich nicht entscheiden ob gestreckt oder geballt.

Doch erst ein Griff zur Tasse. Mit beiden Händen. Die Wärme bleibt in den Fingern. Will nicht weiter kriechen.

Ein Schluck. Zunge verbrannt. Und trotzdem zittere ich.

Der Duft hilft ein bisschen.

Ich bin die ganzen vier Jahre nicht emotional geworden. Warum jetzt?

Okay.

Schluss jetzt mit der Gefühlsduselei! Sonst wird das ja nie was. Das Buch ist höchstens zur Hälfte gefüllt. So lange kann das nicht dauern.

Gut.

Erste Seite.

Hatte ich ja jetzt schon zweimal.

Was kommt jetzt?

Natürlich bist du gestern aus allen Wolken gefallen, als du erfahren hast, wie es um mich steht. So gerne hätte ich Dir das erspart. Aber leider können wir uns das Leben nicht programmieren. Ich habe weit mehr bekommen, als ich mir noch vor ein paar Jahren erhofft hatte. Und jetzt wird es wohl Zeit.

Glaub mir, so gerne würde ich noch erleben, wie Du Deinen Schulabschluss machst … Beruf, vielleicht irgendwann Familie … Welche Mutter wünscht sich das nicht. Nun, wie viel Zeit genau mir noch bleibt, weiß ich nicht. Zwar reden …

Die Schrift ist ziemlich groß. Viel passt da nicht auf eine Doppelseite.

An ihr „gestern“ erinnere ich mich. Das war der Tag, der alles durcheinandergebracht hatte. Wirklich alles. Rückwärts und vorwärts. Der Tag, als sie plötzlich im Krankenhaus war, als ich von der Schule nach Hause kam. Sie nicht zu Hause und Oma mit verheulten Augen am Aufräumen im Haus. Oma hat schon versucht für mich stark zu sein. Aber verbergen konnte sie es trotzdem nicht. Also, dass was Ungewöhnliches passiert sein musste. Sie ist mit mir auch rein gefahren, um meine Mutter zu sehen. Nun ja. Und dann nahm alles so seinen Lauf. Aber die Hoffnung. Wenigsten die war da noch da. Bei mir zumindest.

Falls Du es wissen willst, das Leuchten ist direkt neben meinem Schreibtischstuhl und buhlt um meine Aufmerksamkeit. Aber: Keine Chance! Ich fürchte, ich kann in der Sache Deine Erwartungen nicht erfüllen. Das Licht flackert wirklich. Als ob es manchmal extra stark aufleuchtet. Um dann wieder ganz schwach zu werden. Nur aus geht es nie. Ein bisschen scheint es mir, als ob dann und wann ein Stoß Luft aus Richtung des Leuchtens an meine Füße kommt. Mal fühlt es sich warm an und mal wie ein kaltes Ziehen. Aber das kann ich mir natürlich auch einbilden. Ich könnte ja mal … Aber, ach nein! Ich will wissen. Sonst nichts. Also, das im Buch.

Nur mit dem Fuß mal fühlen, ob es dort anders ist … oder vielleicht wirklich nur eine optische Täuschung …. Wie auch immer sich das erklären lassen soll. Aber das muss mich ja nicht interessieren.

Der Fußbodenbelag hier im Zimmer fühlt sich …, naja, halt wie Fußbodenbelag an. Das Leuchten ist härter, glatter, wärmer. Wärmer? Scheint ungewöhnlich für eine Kellertreppe.

Aber, ach Quatsch. Das ist ja auch keine Kellertreppe! Vermutlich hatte ich die Beine nur übereinandergeschlagen und der Fuß ist unbemerkt eingeschlafen gewesen, deswegen fühlt der jetzt alles ein bisschen anders.

Warte. Der andere Fuß? Nur zum Sichergehen.

Hm. Dasselbe.

Und der Griff? Ist der echt? Ich meine, das wäre dann schon echt komisch. Wo soll plötzlich so ein Griff herkommen.  

Dafür muss ich mich auf den Boden knien.

Und, ja. Da ist ein Griff. Und der lässt sich hochklappen. Merkwürdig!

Jetzt, wo ich hier unten bin, höre ich auch Sachen. Ich meine, das kommt vermutlich aus der Wohnung unter uns.

Aber ein Rauschen? Wie von einem Bach oder so?

Vielleicht das Heizungssystem und ich habe das nur noch nie so wahrgenommen. Ich meine, ich bin jetzt vermutlich auch ziemlich sensibilisiert. Klingt halt ziemlich klar. Oder die alte Frau hier drunter duscht gerade. Nein. Ihr Bad ist unter unserem Bad. Das hört man drüben in Hannahs Zimmer. Aber nicht hier bei mir.

Und dann ein Schluchzen. Auch so klar. Als wäre es eher nebenan.

Jetzt weint ein Baby. Nicht laut. Eher ein Wimmern. Was ist das?

Vielleicht träume ich das ja auch nur alles. Und es fühlt sich nur so real an. Thema Baby gab es ja schließlich gestern mal ganz kurz.

Einfach mal den Griff ziehen, schadet ja nicht. Ist außerdem auch gar nicht gesagt, dass der überhaupt nachgibt. Ich meine, wenn das alles nur Einbildung ist, …

Aber er gibt nach.

Und auch noch ziemlich leicht.

Und der Griff hält eine Glasplatte.

Und die Geräusche von eben werden durch das öffnen noch klarer.

Und von da unten kommt warme Luft. Allerdings wie durchzogen von leichten mehr oder weniger kühlen Windstößen.

Es ist tatsächlich eine echte Treppe. Der Stein der ersten Stufe fühlt sich verhältnismäßig warm an. Also nicht wirklich warm. Aber wärmer als erwartet. Und definitiv wie Stein.

Wenn ich die Tür ganz aufklappe, kann ich ja auch mal ein Stück reingehen. Nur mal gucken. Vielleicht bis zu dem Absatz dort. Da scheint die Treppe ja eine Kurve zu machen. Und dann kann ich ja auch sehen, was da unten los ist. Vor allem, wenn es ja wirklich was mit dem Buch zu tun hat. Wer weiß, wofür es gut ist. Ich schau mir das einfach mal an und dann komm ich wieder zurück. Dann muss ich mich hinterher auch nicht ärgern, dass ich nicht wenigstens mal nachgesehen habe. Dann weiß ich Bescheid.

Auch die Wände hier drinnen fühlen sich wärmer an, als man es bei Naturstein erwartet.

Die Stufen sind tiefer, als sie aussehen. Ich bin noch nicht am Absatz angekommen und mit meinem Kopf schon unterhalb meines Zimmerfußbodens. Auch irgendwie unwirklich. Aber gut, das ist es ja seit dem Moment des Leuchtens schon.

Noch zwei Stufen, dann …

Das Licht wird anders. Dunkler.

Über mir plötzlich ein Knarzen. Und hinter mir. Nicht gut. Wird zum Dauergeräusch. Nur übertönt durch das klopfen und Rauschen in meinen Ohren. Panik. Leichter Schwindel im Kopf. 

Die Treppe ist auf einmal nur noch ebener Boden.

Und was viel schlimmer ist: Die Luke über mir ist weg. Nicht nur zu, dass ich in mein Zimmer hochsehen könnte. Nein! Ganz weg. Wenn ich das in dem flackernden Licht richtig deute, sind das Balken und Holzplanken über mir. Hoch über mir.

Mehr Panik!

Ich drehe mich im Kreis. Hämmere gegen die Wände neben und hinter mir. Alles Stein! Keine Einbildung. Die Schrammen an den Fingerknöcheln sind der Beweis. Ich springe hoch. Wieder und wieder. Berühre einen Balken mit den Fingerspitzen. Nichts zu machen.

Bist Du jetzt auch mit hier? War das Dein Plan?

Komm, mach mir nichts vor!

Wie, vielleicht geahnt? Und was ahnst du jetzt?

Klar, nachdem mich das Leuchten von dem Buch verschluckt hat, soll ich dir jetzt glauben, dass es dort hinter der Ecke harmlos weiter geht? Logisch!

Aber eine andere Wahl habe ich wohl nicht, wenn ich hier irgendwie wieder rauskommen will.

Oder soll ich das am Ende gar nicht mehr? Vielleicht ist da ja auch nur Mauer und eben ein paar Kerzen. Vielleicht war es das ja jetzt für mich. Für immer.

Na klar! Warum bin ich da auch nicht früher draufgekommen. Ein ganz fieser Plan. Und ich falle drauf rein. Super! Das Buch kam irgendwie von ihr. Wie auch immer. Das Buch räumt mich aus dem Weg, damit ich nicht an mein Ziel komme. Und wenn ich die Sache nicht zu Ende bringen kann, behält sie Recht. Für immer.

Nur, wie sie das hinkriegen konnte, darüber darf ich jetzt wohl grübeln, bis ich nicht mehr grübeln kann.

Das Knarzen beruhigt sich wieder.

Plötzlich.

Stille.

Nicht ganz.

Der Bach. Oder so.

Das Schluchzen.

Das Wimmern.

Wie nebenan, hinter einer Tür.

Aufpassen! Das war doch eben schon das Lockmittel.

Trotzdem!

Wenn Schluss, dann kann ich wenigstens schauen, was da hinter der Biegung los ist. Und wenn da vielleicht wirklich jemand traurig ist. Möglicherweise so wie ich hier gelandet. Und ein Baby … Dann können wir jedenfalls füreinander da sein. Trösten und ermutigen. Und wer weiß, … Zwei Köpfe haben schon wieder mehr Ideen, zwei Menschen sind stärker als eine allein. 

Ich komme mir ein bisschen dämlich vor. Wie in so einem Krimi oder Thriller oder sowas. Wenn sich dort die Kommissarin an so eine Ecke vorsichtig ran schleicht, dann wirkt das wenigstens irgendwie sinnvoll und elegant. Ich fühle mich einfach nur tapsig und hoffe, dass es hier jetzt nicht gerade eine versteckte Kamera oder so was gibt.

Und Du behältst das besser auch für Dich. Bitte.

Ich hätte ja nicht mal was, mit dem ich mich verteidigen könnte.

Hätte ich wenigstens das Buch mit runter genommen! Oh! Und vielleicht wäre das ja der Schlüssel gewesen. Wenn mich das Buch hier runter bringt, kann mich natürlich nur das Buch wieder raus holen. Wie auch immer das funktionieren soll. Aber ich Dussel habe das Ding nicht mitgenommen.

Hinterher ist man schlauer!

Möglicherweise habe ich aber Glück und in ein paar Tagen ist Hannah wieder in der Wohnung. Vielleicht kann die ja was machen. Vielleicht die Glastür wieder auf-lesen. Und wenn ich bis dahin nicht von irgendeinem anderen Fantasy-was-auch-immer verschluckt wurde, kann sie mich ja so befreien.

Was ICH allerdings jetzt nicht kann, ist, mich in der Zwischenzeit um mein Studium zu kümmern. Und das wäre doch eigentlich das Nötigste gewesen. Wie dumm von mir, dass ich unbedingt zuerst die Sache mit dem Buch machen wollte. Sieht man ja wieder: Falsch Prioritäten, und zack, alles aus.

Die leise Geräuschkulisse ist immer noch da. Bis auf das Schluchzen. Das ist gerade zu einem sanften Lied geworden.

Ein Schlaflied.

Erinnerung. Es beruhigt mich sogar jetzt noch. Spült meine Panik weg.

Ich wage den Blick um die Ecke.

Und bin enttäuscht.

Nichts. Als nicht gar nichts. Logisch.

Aber keine Kerzen. Keine singende Frau. Kein Baby.

Nur ein schmaler Gang. So wie hier, wo ich gelandet bin. Vielleicht anderthalb Meter breit und ab der Ecke zwei Meter lang. Am Ende eine Holztür. Das Licht strahlt durch den Spalt um die Tür. Wie das eben noch den Raum so ausleuchten konnte, wundert mich ehrlich gesagt ein bisschen.

Die Atmosphäre gibt mir jetzt gerade ein wenig das Gefühl, in einer Abstellkammer zu sein. Bisschen merkwürdig.

Ob ich die Tür von innen öffnen kann?

Drei Schritte und ich stehe davor.

Das Lied.

Meine Mutter hatte es von ihrer Mutter. Es ist keins von den üblichen. Woher kennt es dann wohl die junge Frau hinter der Tür?

Nun …

Der Moment der Wahrheit.

Auch diese Tür lässt sich leicht öffnen. Eins der Gelenke quietscht dabei leise. Wie ein Wimmern.

Das Licht hier drinnen blendet ungemein. Meine Augen tränen.

Vermatschte Sicht.

Aber ich würde ja bei der Helligkeit sowieso nichts sehen.

Was soll das jetzt schon wieder?

Ein kleiner Luftzug hinter mir. Die Tür ist vermutlich wieder zugefallen.

Es scheint, dass das Licht jetzt weniger wird. Oder meine Augen haben sich daran gewöhnt.

Der Raum ist trotzdem extrem hell.

Weiße Wände.

Grelle Lichter.

Weiße wehende Vorhänge hinter denen eine enorme Lichtquelle sein muss.

In der Ecke ein Bett.

Ein Krankenhausbett.

Krankenhauseinrichtung.

Diese ganzen Apparate.

Wie vor vier Jahren.

Und die blasse, hagere Frau mit dem Tuchturban …

Wie bin ich hierhergekommen?

Ich will hier nicht sein!

Dann lieber in der Abstellkammer.

Schritt zurück. Kein Wiederstand.

Umdrehen. Keine Holztür.

Überhaupt keine Tür.

War ja wohl klar gewesen!

Warum will sie mich hier?

Wie hat sie das gemacht?

Ich will das nicht.

Will sie nicht sehen müssen. Nicht mir ihr reden. Es war doch alles abgeschlossen. Nicht gut. Aber fertig.

Welche Wahl habe ich aber?

Machen wir es also kurz. Bringen wir es hinter uns!

„Was willst Du von mir?“ immer noch mit dem Rücken zu ihr. „DU bist doch gegangen! Du hast es doch selbst so GEWOLLT! Warum holst du mich jetzt hierher?“

Wieder ein leises Schluchzen.

Meins.

Warum sagt sie nichts?

Warum lässt sie mich nicht einfach in Ruhe? In meinem Leben, das ich mir gerade erkämpfe.  

Wieder das Lied.

Wut.

„Hör auf damit!“

Drehung. Ein schneller Schritt in ihre Richtung und …

„Au! Was …!?“

Eine Wand. Aus … Luft?

Klingt verrückt. Sicher. Ist es auch.

Unsichtbar. Aber hart. Sehr hart. Ich hoffe, das wird kein blauer Fleck an meiner Stirn. Tut übel weh gerade.

Dahinter meine Mutter. Auf diesem schrecklichen Bett. Sie hat nichts von meinem Crash mit der Wand mitgekriegt. Sie hat offensichtlich überhaupt nichts von mir mitgekriegt. Sie sitzt da und singt das Lied. Für das Baby in ihrem Arm.

Das Baby? Warum habe ich das eben nicht gesehen?

Dieses Baby. Der Strampler ist ihm doch viel zu groß. Es wirkt winzig darin.

Von mir gibt es auch ein Foto mit genauso einem Strampelanzug. Auf dem Bild bin ich aber fast zu groß dafür.

Die Fassung geht mir gerade wieder verloren.

Das ist meine Mutter.

Sie singt mein Schlaflied.

Das Baby trägt meine Sachen.

Was bedeutet das? Warum trägt sie den Turban? Was sehe ich hier?

„Meine wunderbare kleine große Klara.“ Sie streicht dem Baby zärtlich über den Kopf. „Du bist die zäheste Kämpferin, die ich je kennen gelernt habe. Sie haben gesagt, du bist schuld. Aber das stimmt nicht. Niemand ist schuld. Wenn jemand, dann höchstens ich selbst. Sie haben gesagt, du musst gehen, damit ich bleiben kann. Das wollte ich nicht und sie wurden ärgerlich. Sie haben gesagt, du wirst es nicht schaffen. Sie hatten sich auch darin getäuscht. Jetzt bist du hier. Sicher, wir beide sind schwach. Und ich habe meinen großen Kampf noch vor mir. Aber ich kämpfe. Für dich. Für uns, meine Süße.“

Die letzten Worte nur noch leise. Abgehackt.

Tränen in ihrem Gesicht, während sie das Baby … mich … in den Schlaf wiegt.

Tränen in meinem Gesicht, während ich mich, wie ein Gaffer, mit Händen und Stirn an die unsichtbare Wand lehne. Was bedeutet das alles?

Sie legt das Baby in ein Bettchen und greift nach einem Notizbuch auf ihrem Nachttisch. Ähnlich, wie das aus meinem Regal gestern. Nur ein anderes Muster.

„Ich weiß nicht, wie viel Zeit uns beiden noch bleibt, aber ich möchte, dass du irgendwann alles erfährst, was wir zusammen erlebt haben. Wer du bist. Wo Du herkommst. Nur falls ich es dir nie selbst erzählen kann …“

Sie wischt mit dem Ärmel ihres Nachthemdes über ihr Gesicht und greift sich dann einen Stift.

Dass sie schreibt, kann ich nur noch ahnen. Zu viel nass davor.

Wir hatten doch Zeit!

Im Augenwinkel sehe ich eine Veränderung an der Wand schräg neben mir. Oder war das eben schon da?

Auch bei mir muss der lange Ärmel meines T-Shirts herhalten, damit ich besser sehen kann.

Das da an der Wand ist eine Tür. Und die war eben sicher noch nicht da. Denke ich. Wäre mir doch aufgefallen!

Eine Holztür. Wie die eben. Mit dem orangenen Licht drum herum. Ungewöhnlich für ein Krankenhauszimmer.

Geht es jetzt weiter für mich?

Lässt mich die Wand dorthin?

Ich weiß gar nicht, ob ich gehen möchte. Ich will doch wissen, was das hier bedeutet. Will mehr von dieser Mutter wissen, deren Kind gekämpft hat, die jetzt selbst für ihr Kind kämpft. Warum mussten wir kämpfen? Warum weiß ich nichts davon? Gibt es dieses Notizbuch dort wohl tatsächlich, in das sie gerade reinschreibt?

Ich gehe langsam in Richtung der Tür. Zögerlich. Taste mich an der Wand entlang. Kann die Augen nicht von dem Geschehen dahinter lassen.

Fast da. Muss ich wirklich?

In dem Moment schaut sie auf. Direkt in meine Augen. Sieht mich. Meine Fragen. Meine Angst.

Und nickt ganz leicht. Sieht kurz zum Baby und wieder in meine Augen.

Lächelt. MICH an.

Warm von innen.

Rauschen.

Blind.

Aus.

Ich hocke neben meinem Schreibtisch am Boden. Das Gesicht nass. Und das Schluchzen kommt von mir.

Was war das eben?

Der Fußboden ist Fußboden.

Ich streiche über die Stelle, wo vorhin die Glastür war, wie über einen Schatz.

Ich durfte etwas sehen.

Und ich muss wissen, was das bedeutet.